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Systemische Therapie

Die Systemische Therapie ist ein psychotherapeutisches Verfahren. Zentrales Konzept der Methode ist es, Probleme nicht als Störung eines einzelnen Menschen zu begreifen, sondern als Folge einer Störung im sozialen Umfeld des Individuums – also des Systems. Ein System kann beispielsweise die Familie sein, aber auch die Schule oder das Arbeitsumfeld. Die Wechselwirkungen zwischen dem Betroffenen und seinem Umfeld stehen im Fokus der Systemischen Therapie. Lesen Sie hier, wie eine Systemische Therapie funktioniert und wann sie geeignet ist.

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Was ist Systemische Therapie?

Die Systemische Therapie betrachtet den Menschen als Teil eines Systems. Alle Personen in einem System hängen unmittelbar miteinander zusammen beispielsweise in einer Familie. Veränderungen in einem System wirken sich daher auf alle Mitglieder aus. Gestörte Beziehungen oder ungünstige Kommunikationsmuster innerhalb des Systems können die psychische Gesundheit einzelner Mitglieder beeinträchtigen.

Systemische Therapeuten führen daher die Probleme einer Person auf eine Störung im System zurück. Im Unterschied zu anderen Therapierichtungen liegt der Fokus nicht darauf, die Einflüsse zu finden, die krank machen. Denn in der Systemischen Therapie geht der Therapeut davon aus, dass jede Störung auch einen bestimmten Zweck im System erfüllt. Gemeinsam mit dem Patienten versucht er, die Funktion der Symptome innerhalb des Systems aufzudecken.

Die Systemische Therapie hat sich aus der Familientherapie entwickelt. Sie wird daher auch Systemische Familientherapie genannt. Vertreter systemischer Ansätze haben erkannt, dass nicht nur die Familie für die psychische Gesundheit eine Rolle spielt. Sie haben die Familientherapie erweitert und beziehen alle relevanten Beziehungen des Patienten in die Systemische Therapie ein.

Neben der Familie können zum Beispiel die Partnerschaft oder Beziehungen zu den Mitschülern oder Arbeitskollegen eine Rolle spielen. Die Systemische Therapie kann auch im Einzelsetting stattfinden. Die Bezugspersonen sind dann nicht anwesend, aber der Therapeut kann stellvertretend zum Beispiel mit Symbolen arbeiten, um die Bezugspersonen miteinzubeziehen.

Obwohl die Systemische Therapie in anderen Ländern schon längere Zeit als wirksame Psychotherapie angewandt wird, ist sie in Deutschland erst seit 2008 wissenschaftlich anerkannt. Bis die Krankenkassen die Kosten der Systemischen Therapie übernehmen, wird es noch einige Jahre dauern.

Systemische Beratung: Definition

Was ist Systemische Beratung? Methoden der Systemischen Beratung ähneln denen der Systemischen Therapie, denn sie folgen derselben Grundidee: Um Probleme zu lösen, setzen sie am System an. Die Systemische Therapie-Definition unterscheidet sich von der Beratung dadurch, dass im Rahmen einer Therapie psychische Leiden bearbeitet und geheilt werden. Die Systemische Beratung konzentriert sich hingegen auf alltägliche Probleme und unterstützt den Betroffenen in der konkreten Umsetzung von Zielen und in der Problemlösung. Daher ist die Systemische Beratung oft von kürzerer Dauer als die Systemische Therapie.

Systemische Supervision

Vor allem in psychosozialen und klinischen Einrichtungen nimmt auch die Systemische Supervision eine wichtige Rolle ein. Ein Supervisor unterstützt zum Beispiel Berater oder Psychologen in ihrem Beruf, indem er ihre Arbeit reflektiert. Die Systemische Supervision kann sowohl im Einzelsetting, als auch in einer Gruppe stattfinden. Die Supervision wird mittlerweile auch in Unternehmen eingesetzt, um beispielsweise die Kommunikationsprozesse in Teams zu verbessern.

Systemisches Coaching

Das Systemische Coaching beschäftigt sich hauptsächlich mit den Dynamiken in Organisationen und Teams. Systemische Coaches wenden Systemische Ansätze an, um Einzelpersonen, Teams oder auch Führungskräften in der beruflichen Entwicklung weiterzuhelfen. Neben den systemischen Kenntnissen, besitzen sie auch organisationsbezogenes Fachwissen.

Es ist wichtig zu beachten, dass sowohl der Begriff „Systemische Beratung“, als auch „Systemisches Coaching“ nicht gesetzlich geschützt sind. Personen, die sich privat an einen Coach oder Berater wenden, sollten daher auf die berufliche Qualifikation achten. Diplom-Psychologen oder Psychologen mit einem Master (Psychologe M.Sc.) haben eine fachlich qualifizierte und anerkannte Ausbildung durchlaufen. Häufig sind auch Pädagogen und Sozialpädagogen/Sozialarbeiter als systemische Berater oder Coach tätig.

Wann macht man eine Systemische Therapie?

In der Systemischen Therapie können die verschiedensten Lebensthemen bearbeitet werden. Angefangen von beruflichen Krisen bis hin zur Bewältigung psychischer Störungen. Die Systemische Therapie gilt als wirksame Behandlungsoption für affektive Störungen, wie zum Beispiel Depressionen, sowie Essstörungen, Suchterkrankungen, Schizophrenie und psychosomatische Krankheiten. Auch Kinder und Jugendliche profitieren von einer Systemischen Therapie.

Wie die meisten Therapien ist eine Systemische Therapie nur dann sinnvoll, wenn sich der Patient darauf einlassen möchte. Dazu gehört in der Systemischen Therapie die Bereitschaft, sich die genauen Vorgänge in Systemen, wie zum Beispiel der Familie, anzusehen. Für Patienten, deren Probleme nicht im Zusammenhang mit Systemen stehen, ist eine andere Therapieform eventuell geeigneter.

Was macht man bei einer Systemischen Therapie?

In der Systemischen Therapie geht es zunächst darum, die Beziehungsstrukturen und Muster innerhalb des Systems zu verstehen. Wer nimmt welche Rollen ein? Warum verhält sich eine Person auf eine bestimmte Weise? Wie interagieren die Personen miteinander? Unausgewogene Beziehungen, ungesunde Muster, sowie eine ungünstige Kommunikation gelten in der Systemischen Therapie als entscheidende Einflussfaktoren für psychische Probleme. Die Lösung besteht demnach darin, diese ungünstigen Muster zu verändern.

Der Therapeut konzentriert sich dafür auf die bestehenden Ressourcen, die der Patient und seine Bezugspersonen mitbringen. Häufig verfügen die Betroffenen über Fähigkeiten, die sie bisher nicht genutzt oder falsch eingesetzt haben. Das könnte die Fähigkeit sein, gut zuzuhören, Streits zu schlichten oder auch sich durchsetzen zu können.

Für die Behandlung von psychischen Störungen erkundet der Therapeut zudem, welche Funktion die Symptome im System haben. Ein Beispiel wäre eine depressive Mutter, die  alleinerziehend ist und Angst davor hat, dass ihr Sohn sie verlassen könnte. Ihre Depression trägt dazu bei, dass der erwachsene Sohn nicht auszieht, weil er um sie besorgt ist.

Das bedeutet jedoch nicht, dass der Therapeut der Mutter eine böse Absicht unterstellt.  Die Auswirkungen im System sind den Betroffenen meist nicht bewusst. Wenn Betroffene die Zusammenhänge verstehen und sehen, welchen Sinn ihre Symptome in einem System haben, können sie diese leichter bewältigen.

Der Therapeut verwendet unter anderem folgende Systemische Therapie-Methoden, damit die Zusammenhänge im System und alternative Lösungsmöglichkeiten sichtbar werden:

Systemische Therapie: Zirkuläre Fragen

Häufig setzen systemische Therapeuten zirkuläre Fragen ein. Sie befragen den Betroffenen nicht direkt über seine Gefühle zu einer anderen Person, sondern versetzen den Betroffenen in die Sichtweise einer dritten Person. Als Beispiel könnte der Therapeut einen Vater fragen, wie dessen Sohn die Beziehung zwischen dem Vater und der Mutter beschreiben würde. Dieser Perspektivwechsel kann zu Beginn etwas verwirrend und ungewohnt sein. Das zirkuläre Fragen ermöglicht aber, dass der Blick sich immer auf dem gesamten System richtet.

Systemische Therapie: Genogramm

Damit der Therapeut einen Einblick in die Familienstruktur erhält, bittet er die Familie, ein Genogramm zu erstellen. Im Genogramm kann die Familie nicht nur ihren Familienstammbaum zeichnen, sondern auch mit unterschiedlichen Linien die Beziehungen untereinander darstellen. Dicke Linien können eine starke Bindung und zerbrochene Linien einen Konflikt ausdrücken. Das Ziel der Familientherapie ist es, starre Muster und festgefahrene Gedanken aufzulösen. Denn dadurch ergeben sich neue Möglichkeiten, die Konflikte zu bearbeiten.

Systemische Therapie: Familienskulptur

Eine weiterer Systemischer Ansatz in der Systemischen Therapie ist die Familienskulptur. Ein Familienmitglied positioniert die Mitglieder im Raum so, wie er oder sie die Beziehung der Familienmitglieder untereinander sieht. Familienmitglieder, die sich gut verstehen, würden beispielsweise nah zusammenstehen. Konflikte werden deutlich, wenn die Personen mit dem Rücken zueinander aufgestellt sind.

Diese Methode veranschaulicht, wie ein Familienmitglied die Familie wahrnimmt und kann bei allen Beteiligten starke Gefühle auslösen. Der Therapeut leitet die Person danach an, die Familie so aufzustellen, wie sie sich die Situation wünschen würde. Die Familienskulptur kann dazu beitragen, die Dynamik in der Familie zu verändern.

Systemische Therapie: Familienaufstellung

Ähnlich wie bei die Familienskulptur werden auch bei der Familienaufstellung Personen im Raum positioniert, um die Beziehungen im System zu veranschaulichen. Es sind jedoch nicht die Familienmitglieder selbst, die aufgestellt werden. Aus einer Gruppe werden neutrale Personen gebeten, sich stellvertretend für die Familienmitglieder aufstellen zu lassen. Auch der Patient selbst wählt einen Stellvertreter für sich aus.

Der Patient positioniert daraufhin die Personen entsprechend seinem Familienbild im Raum. Danach setzt er sich an den Rand und kann die Interaktion von außen beobachten. Der Therapeut befragt die aufgestellten Personen, wie sie sich in ihrer Position fühlen. Obwohl die Teilnehmer die persönliche Geschichte des Patienten nicht kennen, ergeben sich oft ähnliche Dynamiken, wie sie tatsächlich in der Familie vorherrschen. Wenn einzelne Personen ihre Position verändern, ändert sich auch die Dynamik. Auf diese Weise können Lösungsmöglichkeiten ausprobiert werden.

Die Familienaufstellung ist eine umstrittene Methode. Die Kritik an der Familienaufstellung entstand durch die Arbeit von Therapeuten, die für eine Familienaufstellung nicht ausreichend ausgebildet waren oder diese Methode zu ihrem Vorteil ausgenutzt haben. Auch entsprechen sie mitunter nicht der offenen, respektvollen und unvoreingenommen Haltung, die der Systemische Therapeut zum Wohl seines Patienten einnehmen soll.

Welche Risiken birgt eine Systemische Therapie?

In der Systemischen Therapie bezieht der Therapeut  wichtige Bezugspersonen in den Therapieprozess mit ein. Wenn bestehende Probleme zum Beispiel im System Familie offen besprochen werden, können dadurch neue Spannungen und Probleme entstehen.

Veränderungen empfinden viele Menschen zunächst als bedrohlich, weil sie das Gewohnte und die daraus erwachsene Sicherheit gefährden. Die Anpassung an eine neue Situation kann bei einigen Personen Widerstand erzeugen. Im schlimmsten Fall reagieren Familienmitglieder sogar mit Aggression. Es ist daher besonders wichtig, dass der Betroffene den Therapeuten über Schwierigkeiten, die außerhalb der Therapie auftreten, informiert.

Wie erfolgreich die Systemische Psychotherapie ist, hängt von verschiedenen Faktoren ab. Besonders wichtig ist, dass eine gute Beziehung zwischen dem Therapeuten und dem Patienten besteht. Wenn Sie sich in der Therapie nicht wohlfühlen, sollten Sie mit Ihrem Therapeuten darüber sprechen und sich gegebenenfalls einen anderen Therapeuten suchen.

Was muss ich nach einer Systemischen Therapie beachten?

Nach den Therapiesitzungen ist es sinnvoll, die besprochenen Themen in Ruhe zu verarbeiten. Häufig treten in der Therapie stark emotional besetzte Themen auf. Geben Sie sich und den anderen Personen Zeit, die Gefühle zu ordnen.

Wichtig ist auch, dass die Inhalte der Therapiesitzungen nicht dazu verwendet werden, um anderen Personen ihre Fehler vorzuhalten. Es ist für viele Menschen eine große Überwindung, vor anderen über ihre Gefühle zu sprechen. Ein respektvoller Umgang miteinander wirkt sich daher auch positiv auf die Therapie aus.

Wenn nach dem Ende der Therapie die Probleme noch immer vorhanden sind, können Sie mit ihrem Therapeuten über eine Verlängerung der Therapie sprechen. Stellen Sie fest, dass psychische Probleme auftreten, sollten Sie sich unbedingt wieder an einen Therapeuten wenden. In diesem Fall ist möglicherweise eine Einzeltherapie der Systemischen Therapie vorzuziehen.

Autor:
Julia Dobmeier
Quellen:
  • Berking, M., Rief, W.: Klinische Psychologie und Psychotherapie für Bachelor. Band II: Therapieverfahren, Springer Verlag, 1. Auflage, 2012
  • Kriz, J.: Grundkonzepte der Psychotherapie, Beltz Verlag, 7. Auflage, 2014
  • Bundes Psychotherapeuten Kammer: www.bptk.de/aktuell/einzelseite/artikel/Systemische-1.html (Abruf: 22.3.2017)
  • Deutsche Gesellschaft für Systemische Therapie, Beratung und Familientherapie e. V.: www.dgsf.org (Abruf: 2.1.2017
  • Neurologen und Psychiater im Netz: www.neurologen-und-psychiater-im-netz.org (Abruf: 2.1.2017)