Grippe schlägt aufs Gehirn

aktualisiert am
Christiane Fux

Christiane Fux studierte in Hamburg Journalismus und Psychologie. Seit 2001 schreibt die erfahrene Medizinredakteurin Magazinartikel, Nachrichten und Sachtexte zu allen denkbaren Gesundheitsthemen. Neben ihrer Arbeit für e-happiness ist Christiane Fux auch in der Prosa unterwegs. 2012 erschien ihr erster Krimi, außerdem schreibt, entwirft und verlegt sie ihre eigenen Krimispiele.

Die Grippe ist endlich überstanden, aber der Kopf ist immer noch wie blockiert? Die verschlechterte Denkleistung könnte eine Langzeitwirkung der Virusinfektion sein.

Wer mitten in einem Grippeinfekt steckt, wundert sich kaum, wenn auch das Gehirn nicht richtig arbeiten will. Doch selbst wenn die klassischen Grippesymptome längst abgeklungen sind, können Konzentrations- und Gedächtnisstörungen auftreten.

„Es ist bekannt, dass das Gehirn auf Infekte reagiert. Aber bisher hat noch niemand untersucht, was danach passiert“, sagt Prof. Martin Korte von der Abteilung für Zelluläre Neurobiologie an der Technischen Universität (TU) Braunschweig.

Um mehr über mögliche Langzeitfolgen für das Gehirn herauszufinden, haben die TU-Forscher das Lern- und Erinnerungsvermögen sowie die Gehirnstrukturen von Mäusen untersucht, die zuvor mit verschieden Influenza-A-Viren infiziert worden waren.

Schlechteres Erinnerungsvermögen

Noch 30 Tage nach der Infektion beobachteten die Forscher, dass die Tiere Lern- und Gedächtnisaufgaben schlechter bewältigten als gewöhnlich. Sie hatten beispielsweise Probleme, in einem Schwimmbecken eine unter dem Wasserspiegel versteckt liegende Ruheplattform wiederzufinden.

Anatomische Untersuchungen zeigten dann, dass sich die Hirnstruktur bei den Grippe-Mäusen verändert hatte: So wiesen die Nervenzellen in bestimmten Hirnbereichen weniger Synapsen auf als gewöhnlich. Diese Nervenfortsätze dienen den Neuronen zur Kommunikation untereinander. Betroffen war unter anderem der Hippocampus, eine Hirnregion, die für Lernprozesse und Erinnerungen zuständig ist.

Hausmeister im Hirn laufen Amok

Ursache der Veränderungen im Hirn könnten sogenannte Mikrogliazellen sein. „Sie sind so etwas wie die Hausmeister im Gehirn und sorgen für Ordnung", erklärt Studienautorin Dr. Kristin Michaelsen-Preusse. "Sie entfernen zum Beispiel die Reste abgestorbener Zellen."

Im Fall von Infektionen bekämpfen sie auch Krankheitserreger. Dabei können sie aber so heftig reagieren, dass sie auch Nervenzellen angreifen, die sie eigentlich schützen sollen. „Es könnte dann zum Beispiel sinnvoll sein, die Aktivität der Mikrogliazellen mit Medikamenten zu bremsen“, sagt Korte. Das müssten allerdings weitere Experimente erst zeigen.

Es kommt auf das Virus an

Allerdings lösten nicht alle Grippe-Virenstämme im Gehirn solche Veränderungen aus: Das H1N1-Virus, das dem vor 100 Jahren kursierenden Erreger der Spanischen Grippe ähnelt, gelangt zwar ins Gehirn, provoziert dort aber keine Überreaktionen der Mikrogliazellen.

Anders H7N7, an dem zurzeit vor allem Vögel erkranken, das aber als möglicher Ausgangserreger für eine Pandemie gilt. Bei den mit diesem Virus infizierten Mäusen beobachteten die Forscher veränderte Hirnstrukturen und eine beeinträchtigte Funktion des Gehirns.

Und auch bei Infektionen mit dem Hongkong-Grippevirus H3N entstanden Schäden. Das erstaunte die Forscher, denn dieses Virus ist selbst gar nicht im Gehirn aktiv.

Die Forscher vermuten deshalb, dass bei bestimmten Abwehrreaktionen des Körpers Botenstoffe produziert werden, die auch das Immunsystem des Gehirns alarmieren. So könnten so eine überschießende Aktivität der Mikrogliazellen anstoßen, obwohl diese gar nicht mit den Viren in Kontakt gekommen sind.

Normalisierung erst nach 120 Tagen

Die gute Nachricht vorab: Die gestressten Gehirne der Grippe-Mäuse erholten sich wieder. Doch das konnte bis zu 120 Tage dauern - für Mäuse ein erheblicher Teil ihrer Lebenszeit. Auf die Lebenserwartung eines Menschen hochgerechnet, könnte der Erholungsprozess dann mehrere Jahre dauern, rechnet Michaelsen-Preusse.

Die Ergebnisse könnten ein weiteres Argument für Grippeimpfungen sein, glauben die Forscher. Allerdings ist noch nicht sicher, ob Grippeviren bei menschlichen Hirnen tatsächlich die gleiche Wirkung entfalten. Und auch ob in diesem Fall eine Grippeimpfung die Folgen der Immunattacke im Gehirn tatsächlich verhindern kann, wollen die Wissenschaftler noch prüfen.

Infektionsspuren im Gehirn

Schon seit einiger Zeit erforscht Kortes Team außerdem, ob auch bakterielle Infektionen langfristig Spuren im Gehirn hinterlassen können. „Es deutet einiges darauf hin“, sagt der Wissenschaftler. Die Ergebnisse ihrer umfangreichen Studie dazu wollen die Forscher in den kommenden Monaten präsentieren.

antibioticlistinfo.com

посмотреть

https://farm-pump-ua.com/