ASS für Ältere: Weniger Infarkte, mehr Krebs

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Lisa Vogel

Lisa Vogel studierte Ressortjournalismus mit dem Schwerpunkt Medizin und Biowissenschaften an der Hochschule Ansbach und vertiefte ihre journalistischen Kenntnisse im Masterstudiengang Multimediale Information und Kommunikation. Als freie Journalistin sammelte sie Erfahrungen im Lokaljournalismus und schrieb Beiträge für Gesundheitsplattformen. Seit September 2018 ist sie Volontärin in der e-happiness Redaktion.

Millionen Menschen weltweit schlucken täglich Acetylsalicylsäure (ASS). Das Schmerzmittel verdünnt das Blut und soll so vor Herzinfarkt und Schlaganfall schützen. Gleich drei verschiedene Studien haben jüngst belegt, dass die Einnahme von ASS zwar Herzerkrankungen vorbeugen kann. Die damit verbundenen Risiken können allerdings in vielen Fällen schwerer wiegen.

ASS verdünnt das Blut. Es bildet dann weniger Gerinnsel, die in Herz und Hirn wandern können. Risikopatienten wird daher häufig von ihren Ärzten geraten, ASS oder andere Blutverdünner in niedriger Dosierung vorbeugend gegen Herzinfarkt und Schlaganfall einzunehmen. Da ASS frei verkäuflich ist, nehmen inzwischen sogar gesunde Menschen den Wirkstoff auf eigene Initiative ein. Allerdings zeigen gleich drei aktuelle Studien, dass das gefährlich werden kann.

Profitieren auch ältere, herzgesunde Menschen von ASS?

"Klinische Leitlinien empfehlen ASS zu Vorbeugung von Herzinfarkten und Schlaganfällen bei Patienten mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen wie einer Koronaren Herzkrankheit“, erklärt Richard J. Hodes vom National Institute on Aging, das die größte dieser Studien Studie unterstützte. Unklar sei bislang gewesen, ob ASS auch älteren Personen nutzt, die keine derartige Herz-Kreislauf-Vorerkrankungen haben.

Weniger Herzerkrankungen, mehr Krebstote

Um das herauszufinden, haben Wissenschaftler um die Professoren John McNeil und Mark Nelson von der Monas University in Melbourne im Rahmen der ASPREE-Studie die Daten von mehr als 19.000 Menschen ausgewertet. Der größte Teil der Teilnehmer war 70 Jahre oder älter und litt bis dahin nicht unter einer Herz-Kreislauf-Erkrankung. Mehr als vier Jahre lang nahm die eine Hälfte täglich 100 Milligramm ASS, die andere erhielt ein wirkstofffreies Placebo.

Weniger Herztote …

Die Wissenschaftler erhofften sich durch die Gabe von Aspirin eine niedrigere Rate tödlicher kardiovaskulärer Ereignisse – also weniger Tode durch Herzinfarkte, Schlaganfälle und andere Folgen von Gefäßerkrankungen. Tatsächlich sterben in der ASS-Gruppe im Studienverlauf 91 Probanden daran. In der Placebo-Gruppe waren es mit 112 fast 25 Prozent mehr. Das zeigt, der Blutverdünner hat tatsächlich präventive Wirkung.

Die eigentliche Überraschung der Studie war aber, wie groß die mit der Einnahme verbunden Risiken sind: So war die Gesamtsterblichkeit in der ASS-Gruppe sogar höher als in der Placebo-Gruppe: 558 von ihnen verstarben. Das entspricht 5,9 Prozent. In der Kontrollgruppe waren es nur 494 und damit 5,2 Prozent. Interessanterweise zeigte sich dieser Effekt aber erst im vierten Jahr des Beobachtungszeitraums.

… aber mehr Krebstote

Wie in einer älteren Teilnehmergruppe zu erwarten war, war die häufigste Todesursache in beiden Gruppen Krebs. Von den ASS-Probanden starben daran 295. Zum Vergleich: In der Placebo-Gruppe waren es 227. Dass eine höhere Blutungsneigung bei diesen Todesfällen eine Rolle gespielt hatte, dafür fanden die Forscher keine Hinweise.

Unklare Mechanismen

Die Gründe für den Zusammenhang sind noch unklar. Man wisse jedoch, dass der Wirkstoff verschiedene Signalwege beeinflusst, die an der Entstehung und Ausbreitung von Krebs beteiligt sind, schreiben die Autoren. Sie haben Gewebeproben der Pateinten aufbewahrt, mit deren Hilfe sich zu einem späteren Zeitpunkt vielleicht ein entsprechender Mechanismus aufdecken lässt.

Insgesamt sollten die Ergebnisse vorsichtig interpretiert werden, schreiben die Autoren. Vorangegangene Untersuchungen hatten nämlich gegenteilige Ergebnisse geliefert: Unter der Einnahme von ASS hatte waren dort sogar weniger Krebsfälle aufgetreten. Allerdings hatten diese Untersuchungen Daten von deutlich weniger Personen beinhaltet. Vor allem aber hätten nur wenige Probenden daran teilgenommen, die 70 Jahre oder älter gewesen seien.

Mehr Blutungen in Magen und Darm

Doch wie steht es mit jüngeren Risikopatienten? Ein Beispiel dafür sind Diabetiker, die aufgrund ihrer hohen Blutzuckerwerte häufiger Arteriosklerose entwickeln. Doch auch für sie ist die Prävention mit ASS nicht grundsätzlich empfehlenswert.

Zu diesem Ergebnis kommt zumindest die ASCEND Study Collaborative Group. Sie analysierte die Daten von 15.480 Diabetikern. Durch den Einsatz von Aspirin entwickelten sich weniger Gefäßerkrankungen, doch das Risiko für Blutungen im Magen-Darm-Trakt stieg an. In den Augen der Forscher wog die Blutungsgefahr die Vorteile der Blutverdünnung auf.

Mit Vorsicht zu genießen

Auch für mit Nichtdiabetiker mit lediglich moderatem Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen ist der Einsatz von ASS mit Vorsicht zu genießen. Das zeigt wiederum die ARRIVE-Studie von Professor Michael Gaziano der Harvard Medical School. Von 12.546 Probanden nahmen 6270 täglich Aspirin, 6276 ein Placebo. In der Aspirin-Gruppe entwickelten 61 Personen Magen-Darm-Blutungen, in der Placebo-Gruppe war es weniger als die Hälfte.

Blutfettsenker statt Blutverdünner?

Eine Alternative zu ASS könnten Statine sein. Diese werden vor allem zu Behandlung erhöhter Blutfettwerte eingesetzt. Sie beeinflussen aber auch die Thrombozyten, also jene Zellen des Blutes, die für die Gerinnung zuständig sind. Nach Angaben der Deutschen Herzstiftung lässt sich durch Statine das Infarktrisikos seken. Auch die Überlebenschance von Patienten mit einer koronaren Herzkrankheit steigt unter der Medikation.

Kein generelles Aus für ASS als Herzschutz

Die Forscher betonen, dass die Ergebnisse sich nicht auf jüngere Patienten beziehen, oder solche, die bereits ein hohes Herz-Kreislauf-Risiko tragen. Insbesondere stellt keine der Studien Blutverdünner zur sogenannten Sekundärprävention in Frage stellt. Diese betrifft Patienten, die bereits einen schweren Herzkreislaufvorfall wie einen Schlaganfall oder Herzinfarkt erlitten haben. Wer ASS von seinem Arzt verordnet bekommt, sollte es also keinesfalls eigenmächtig absetzen.