„Wir sind Marionetten unserer Darmmikroben“

Die Mikroben im Darm wirken auch auf das Gehirn ein.
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Dr. Andrea Bannert

Dr. Andrea Bannert ist seit 2013 bei e-happiness. Die promovierte Biologin und Medizinredakteurin forschte zunächst in der Mikrobiologie und ist im Team die Expertin für das Klitzekleine: Bakterien, Viren, Moleküle und Gene. Sie arbeitet freiberuflich zudem für den Bayerischen Rundfunk und verschiedene Wissenschaftsmagazine und schreibt Fantasy-Romane und Kindergeschichten.

Im Darm jedes Menschen tummeln sich Trillionen Mikroben. Ihr Einfluss reicht bis ins Gehirn. Welche Auswirkungen hat das auf die menschliche Psyche?

Der Mensch ist nie alleine. In seinem Darm leben geschätzte 40 Billionen winzige Mitbewohner: die Darmbakterien. Zusammen bringen sie ganze zwei Kilo Gewicht auf die Waage. Damit wiegen sie mehr als das menschliche Gehirn. Und genau dieses Organ beeinflussen die Mikroben womöglich in ungeahnter Weise.

„So, wie der Holzschnitzer Geppetto die Holzmarionette Pinocchio an Fäden durch den Raum tanzen lässt, steuern die Darmmikroben uns.“ Prof. John Cryan vom University College im irischen Cork formuliert seine Thesen zum Einfluss der Mikroben aufs Gehirn gern provokant.

Der Neurologe mit dem kreisrunden Gesicht und der schwarzen Nickelbrille hat selbst gewisse Ähnlichkeit mit den putzigen Mikroben-Zeichnungen in seinen Vorträgen. Mit seinem Forscherteam hat er schon in verschiedenen Studien Hinweise darauf gefunden, wie stark die Helferlein im Darm auf die Psyche einwirken könnten.

Gefühle mit Kot übertragen

Für ihr aktuelles Experiment übertrugen Wissenschaftler Darmkeime von Menschen mit Depression auf Labormäuse. Dazu verabreichten sie den Tieren den gereinigten Kot der Patienten, in dem sich jede Menge Mikroben tummelten.

Um den Effekt nicht zu verfälschen, hatten die Forscher dazu eigens keimfreie Mäuse gezüchtet. Das bedeutet, in oder auf diesen Tieren wohnt tatsächlich kein einziger Mikroorganismus. „Wenn man herausfinden will, welchen Einfluss etwas hat, ist es am einfachsten, diesen Faktor einfach zu entfernen“, sagt Cryan. So sieht man schnell, was dann passiert. Weil Keimfreiheit mit menschlichen Testpersonen natürlich nicht zu erreichen ist, arbeiten die Wissenschaftler mit Tiermodellen.

Tatsächlich veränderten die Versuchstiere daraufhin ihr Verhalten. Sie reagierten ängstlicher als zuvor. Mäuse, die die Mikroben von psychisch stabilen Menschen erhielten, zeigten keine Depressionssymptome.

Traumata hinterlassen Spuren im Darm

Aber lassen sich die Ergebnisse aus solchen Tierversuchen auf den Menschen übertragen? Tatsächlich gibt es verschiedene Studien, die gezeigt haben, dass das Darmmikrobiom bei Menschen mit psychischen Erkrankungen im Vergleich zu Gesunden verändert ist. Das gilt für Depressionen ebenso wie bei Autismus oder Schizophrenie.

Allerdings beweist dieser Zusammenhang noch nicht, dass die veränderte Zusammensetzung des Darmmikrobioms die Erkrankung auch auslöst. Es könnte zum Beispiel auch sein, dass die Darmflora sich als Folge der psychischen Störung wandelt.

Dagegen spricht jedoch eine weitere Studie von Cryan und seinem Team. „Wir können am Mikrobiom ablesen, ob jemand in seinem frühen Leben starkem psychischem Stress ausgesetzt war“, sagt der Forscher. Beispiele sind traumatische Erlebnisse wie Missbrauch, Vernachlässigung oder Tod eines Elternteils.

Die Wissenschaftler entdeckten dann typische Veränderungen in der „Darmwohngemeinschaft“. Das heißt, bestimmte Mikroorganismen kamen häufiger vor als bei Menschen, die weniger Stress erlebt hatten. Andere Bakterien waren seltener vertreten.

Tatsächlich entwickeln Kinder mit traumatischen Erlebnissen später häufiger psychische Erkrankungen. Möglicherweise könnten daran auch die Veränderungen der Darmflora, die Cryan und Kollegen gefunden haben, einen Anteil haben.

Stuhltransplantation für Autisten

An den Einfluss der Darmbewohner auf Psyche und Persönlichkeit glaubt auch Rosa Krajmalnik-Brown vom Biodesign Institute der Arizona State University. Sie übertrug den Mikroorganismenmix gesunder Spender auf 18 Autismus-Patienten, die zwischen sieben und 16 Jahre alt waren. Mittels einer Endoskopie, ähnlich wie bei einer Darmspiegelung, bringt ein Arzt den gereinigten gesunden Stuhl in den Darm des Patienten ein.

Das klingt zunächst ein bisschen ekelig, zeigte aber durchaus Wirkung. Die soziale Kompetenz der jungen Probanden verbesserte sich um durchschnittlich 20 bis 25 Prozent. Tatsächlich hatte sich die Zusammensetzung der winzigen Darmbewohner durch die Behandlung verändert. Die Vielfalt nahm zu, vor allem eine bestimmte Gattung vermehrte sich: sogenannte Prevotella-Bakterien, die bei autistischen Kindern den Darm normalerweise eher in geringer Zahl besiedeln.

Seelisch stabiler durch Joghurt?

Wenn eine aus dem Gleichgewicht geratene Darmbesiedelung wirklich krankmacht, stellt sich natürlich die Frage, ob man neue Mitbewohner ansiedeln kann, um gesünder zu sein. Sogenannte Probiotika enthalten lebende Mikroorganismen. Lactobacillus und Co. tummeln sich zum Beispiel in jedem Joghurt und viele Hersteller werben mit einer gesundheitsförderlichen Wirkung, wenn auch nicht direkt auf die Psyche bezogen. Können diese Lebensmittel tatsächlich auf das Gehirn wirken?

Zur Beantwortung dieser Frage kommen wieder Cryans keimfreie Labormäuse ins Spiel. „Wir haben den Tieren bestimmte Laktobakterien gefüttert. Anschließend haben sie auf Stress weniger intensiv reagiert. Sie verhielten sich, als wären sie auf Valium“, so Cryan. Parallel zum gewandelten Verhalten konnten die Forscher auch messbare Änderungen in der Hirnaktivität nachweisen.

Beim Menschen funktionierte der Versuch allerdings nicht. Zwar zeigte sich bei einigen Frauen, die einen probiotischen Yoghurtdrink getrunken hatten, eine veränderte Hirnaktivität in den gleichen Arealen wie bei den Mäusen. Bei den übrigen Probandinnen hatten die Probiotika keinen Effekt. „Möglicherweise ist die Wirkung sehr individuell. Es scheint, dass mache Bakterien bei den einen funktionieren und bei den anderen nicht.“

Multi-Kulti im Darm

Unabhängig von den Probiotika scheint auch die Ernährung allgemein einen Einfluss auf das Darmmikrobiom zu haben. „Wir wissen, dass die Essgewohnheiten auch die Darmbewohner beeinflussen“, sagt Cryan. So fördern zum Beispiel Ballaststoffe die Vielfalt der kleinen Mitbewohner, während fettiges Essen diese eher reduziert.

Vieles deutet darauf hin, dass eine möglichst bunte Mikroben-WG die Gesundheit positiv beeinflusst. Denn bei den meisten Patienten mit psychischen und körperlichen Erkrankungen ist die Artenvielfalt im Darm reduziert.

Auch wenn viele Fragen in der Mikrobiom-Forschung noch offen sind, empfiehlt Cryan: „Man sollte so vielseitig und ausgewogen essen wie möglich. Auch, um der Psyche nicht zu schaden.“ Der Hirnforscher ist überzeugt, dass die winzigen Mitbewohner viele Fäden in unserem Gehirn ziehen. Wie groß ihr Einfluss tatsächlich ist, müssen zukünftige Forschungen enthüllen.

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