Typ-1-Diabetes: Nachhilfe fürs Immunsystem

Baby isst Brei
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Christiane Fux

Christiane Fux studierte in Hamburg Journalismus und Psychologie. Seit 2001 schreibt die erfahrene Medizinredakteurin Magazinartikel, Nachrichten und Sachtexte zu allen denkbaren Gesundheitsthemen. Neben ihrer Arbeit für e-happiness ist Christiane Fux auch in der Prosa unterwegs. 2012 erschien ihr erster Krimi, außerdem schreibt, entwirft und verlegt sie ihre eigenen Krimispiele.

Nicht jeder, der Risiko-Gene für Typ-1-Diabetes trägt, wird auch krank. In den ersten zwei Lebensjahren entscheidet sich, ob das Immunsystem später die Insulin produzierenden Zellen in der Bauchspeicheldrüse attackiert oder nicht. Mit Insulinpulver im Babybrei wollen Forscher vom Helmholtz Zentrum in München die Immunzellen auf Spur bringen.

Karoline* ist 26 Jahre alt, Sportstudentin – und zuckerkrank. Sie leidet unter Typ-1-Diabetes, genau wie ihr Vater. Der hat seiner Tochter neben den roten Locken und den Sommersprossen wohl auch die Risiko-Gene für die Krankheit vererbt.

Karoline lebt mit Typ-1-Diabetes, seit sie elf ist – und hat die Krankheit gut im Griff. „Der Diabetes ist ein Teil von mir“, sagt die junge Frau im Gespräch mit e-happiness, „trotzdem hätte ich gern darauf verzichtet.“ Derzeit beschäftigt sie sich wieder stärker mit ihrer Krankheit: Sie ist im fünften Monat schwanger.

Trainingsprogramm für Immunzellen

Dass auch sie vermutlich Risiko-Gene an ihr Kind weitergegeben hat, ließ sich nicht verhindern. Aber es gibt ein Verfahren, mit dem sich der Ausbruch der Krankheit möglicherweise verhindern lässt: ein Trainingsprogramm fürs Immunsystem.

Entwickelt haben das Verfahren Forscher von Helmholtz Zentrum München. Im Rahmen einer Studie behandeln sie Kinder, die ein erhöhtes Risiko für Typ-1-Diabetes tragen, mit Insulin. Bis zum dritten Geburtstag erhalten sie das Hormon in Pulverform täglich mit der Nahrung.

„Weichen für Diabetes werden früh gestellt“

„Wir wissen, dass die Weichen für Diabetes ganz früh im Leben gestellt werden“, erklärt die Leiterin der Studie, Prof. Anette-Gabriele Ziegler*, gegenüber e-happiness. „Wir hoffen, dass wir in diesem Zeitfenster den Prozess stoppen können, indem wir eine Toleranz des Immunsystems gegen Insulin unterstützen und so den Schalter wieder umlegen.“

Fehlgesteuerte Immunzellen

Bei einer Autoimmunerkrankung bekämpfen bestimmte Immunzellen, sogenannte autoaktive T-Zellen, die eigenen Körperzellen, als seien sie Krankheitserreger. Bei Typ-1-Diabetikern attackieren sie beispielsweise die Insulin produzierenden Zellen in der Bauchspeicheldrüse, die sogenannten Beta-Zellen. Dann steht den Patienten immer weniger Insulin zur Verfügung. Das Hormon ist aber notwendig, um Zucker aus dem Blut in die Körperzellen zu schaufeln. Passiert das nicht, steigt der Blutzucker gefährlich an.

Erziehung zu mehr Toleranz

Normalerweise werden die T-Zellen bereits in ihrer Geburtsstätte, dem Thymus, dazu erzogen, körpereigene Eiweiße wie jene des Insulins oder der Inselzellen zu tolerieren. T-Zellen, die das nicht tun, werden aussortiert und vernichten sich selbst.

Ein Teil dieser autoreaktiven T-Zellen entwischt jedoch und gelangt ins Blut. Damit sie keinen Schaden anrichten, patrouillieren dort sogenannte regulatorische T-Zellen. Die halten ihre autoreaktiven Kollegen normalerweise davon ab, gesunde Körperzellen anzugreifen.

„Bei Kindern mit Typ-1-Diabetes läuft bei dem Ausleseverfahren aber etwas schief“, sagt Ziegler. Es gelangen zu viele autoreaktive T-Zellen in den Körper. Sie richten sich zunächst gegen Insulin. Später greifen sie auch die Beta-Zellen an.

Ziegler und ihre Kollegen wollen mit täglichen Insulingaben das Immunstem der Kinder toleranter gegenüber dem Hormon machen. Ihre Strategie: „Wir versuchen, die regulatorischen Zellen zu stärken, damit sie die autoreaktiven Zellen abfangen. Dazu geben wir Insulin, um die Zellen zu sensibilisieren“, sagt die Diabetesforscherin.

Begegnungen im Darm

Im Magen-Darm-Trakt trifft das verabreichte Insulin auf Immunzellen, die sich dort in besonders großer Zahl tummeln. Bei jeder Nahrungsaufnahme müssen sie entscheiden, ob sie es mit wertvollen Nahrungsstoffen zu tun haben, die die Darmwand passieren dürfen. Oder ob es sich um potenzielle Krankheitserreger handelt, die es abzuwehren gilt. „Werden die Immunzellen täglich mit Insulin konfrontiert, akzeptieren sie es zunehmend“, sagt Ziegler.

Dass die Nachhilfestunden in Toleranz tatsächlich wirken, haben die Forscher bereits in einer kleinen Pilotstudie nachweisen können: Im Blut der behandelten Kinder hatte sich die erhoffte Immunantwort ausgebildet. Darin tummelten sich nun regulatorische T-Zellen, die auf den Schutz von Insulin spezialisiert waren. „Das ist ein sehr gutes Zeichen und macht uns Hoffnung“, sagt Ziegler.

Das Immunsystem lässt sich programmieren

Dass sich das Immunstem tatsächlich im frühen Alter programmieren lässt, hat eine andere Studie mit Kindern mit einem hohen Risiko für Erdnuss-Allergie gezeigt. Sie erhielten bereits als Babys vergleichsweise große Mengen Erdnüsse. „Das ist das genaue Gegenteil von dem, was man bei höherem Allergierisiko bisher empfohlen hat, nämlich Allergene möglichst zu vermeiden“, sagt Ziegler. Der Erfolg war durchschlagend: Keines der Kinder reagierte später allergisch auf die Hülsenfrüchte.

Fahndung in Bayern, Sachsen und Niedersachsen

Ob und wie gut tägliche Insulingaben zur Diabetesprävention funktionieren, untersuchen die Forscher derzeit im Rahmen der sogenannten POInT-Studie mit einer größeren Zahl von Risikokindern. Flächendeckend daran beteiligt sind die Bundesländer Bayern, Sachsen und Niedersachsen. Dort haben alle Eltern die Möglichkeit, das genetische Risiko ihrer Babys testen zu lassen. Ein winziger Blutstropfen reicht aus, um 42 Gene zu ermitteln, die die Wahrscheinlichkeit für Typ-2-Diabetes erhöhen.

Per Fingerpieks wird den Kindern ein Tröpfchen Blut abgenommen. Abhängig davon, welche Gene man darin findet und wie stark ihr jeweiliger Einfluss ist, errechnen die Forscher anhand eines mathematischen Modells das individuelle Diabetesrisiko der Kleinen. Ist es 25-mal höher als normalerweise, können die Kinder an der Studie teilnehmen.

Erste Ergebnisse in 2025

Ziel ist es, mindestens 1000 Kinder mit Insulinpulver zu behandeln, von denen normalerweise mindesten 100 einen Typ-1-Diabetes entwickeln würden. Eine gleichgroße Gruppe von Risikokindern soll als Kontrolle dienen – sie erhalten statt Insulin ein wirkungsloses Pulver.

„Schon 2025 werden wir sagen können, ob die Insulingaben geholfen haben oder nicht“, sagt Ziegler. Anhand spezieller Antikörper, die sich schon im Vorfeld von Diabetes im Blut bilden, lässt sich dann sicher feststellen, ob die Kinder eines Tages erkranken werden oder nicht.

Testen lassen – auch in anderen Bundesländern!

Karoline lebt zwar in Hamburg und nicht in einem der teilnehmenden Bundesländer. Ihr Kind testen und gegebenenfalls teilnehmen lassen, kann sie dennoch. Diese Möglichkeit besteht für alle Kinder, die Elternteile oder Geschwister mit Typ-1-Diabetes haben.

„Den Test werde ich auf jeden Fall in Anspruch nehmen“, sagt die werdende Mutter. „Im besten Fall erfahre ich, dass ich mir keine Sorgen machen muss.“ Und ist das Risiko fürs Kind tatsächlich erhöht, könne die Teilnahme an der Studie möglicherweise verhindern, dass die Krankheit ausbricht. „Das Leben ist zwar auch mit Diabetes schön. Aber ohne lebt es sich natürlich leichter.“

Prof. Anette-Gabriele Ziegler ist Direktorin des Instituts für Diabetesforschung am Helmholtz Zentrum München und leitet den Lehrstuhl für Diabetes und Gestationsdiabetes am Klinikum rechts der Isar der Technischen Universität München.