Menschen mit AIDS-Schleife

HIV-Spätdiagnosen: Ein Virus im toten Winkel

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Christiane Fux

Christiane Fux studierte in Hamburg Journalismus und Psychologie. Seit 2001 schreibt die erfahrene Medizinredakteurin Magazinartikel, Nachrichten und Sachtexte zu allen denkbaren Gesundheitsthemen. Neben ihrer Arbeit für e-happiness ist Christiane Fux auch in der Prosa unterwegs. 2012 erschien ihr erster Krimi, außerdem schreibt, entwirft und verlegt sie ihre eigenen Krimispiele.

Bei vielen Menschen wird HIV erst im fortgeschrittenen Stadium erkannt. Denn Ärzte haben die Erkrankung oft nicht mehr auf dem Schirm. Doch das ist nicht der einzige Grund.

Was das Immunsystem tagtäglich leistet, wird erst spürbar, wenn es seine Schlagkraft verliert. Schlummernde Viren wie Herpes Zoster erwachen Jahrzehnte nach einer Windpockenerkrankung aus dem Winterschlaf, verursachen schmerzhafte Gürtelrosen. Hefepilze beginnen in der Mundhöhle zu wuchern. Oder der Darm liefert sich Kämpfe mit Bakterien, die sich in ständigen Durchfällen äußern. Und das ist erst der Anfang.

„Solche Anzeichen eines schwachen Immunsystems sind typisch für eine HIV-Infektion, wenn sie nicht behandelt wird“, sagt Holger Wicht, Pressesprecher der Deutschen Aidshilfe im Gespräch mit e-happiness. Gerade hartnäckige Malaisen, die man nicht in den Griff bekommt, sind ein Warnsignal.

An HIV wird nicht gedacht

Eigentlich müsste angesichts solcher Befunde schon der Hausarzt misstrauisch werden. Doch das ist oft nicht der Fall. „Da wird dann ein Patient mit massivem Pilzbefall im Mund mit einer Lutschtablette nach Hause geschickt“, sagt Wicht. Solche Fälle kennt er zur Genüge. „Das Problem ist: HIV haben viele Ärzte nicht mehr auf dem Schirm – vor allem, wenn die Patienten keiner Risikogruppe angehören.“

1000 übersehene HIV-Infizierte

Tatsächlich scheint HIV, seit es gut zu therapieren ist, zunehmend in den toten Winkel der Wahrnehmung zu rutschen: Obwohl es bei Nichtbehandlung töten kann, sieht es nur, wer aktiv hinschaut. Rund 1000 Menschen erhalten in Deutschland laut Robert Koch-Institut jedes Jahr die Diagnose HIV-Infektion erst im weit fortgeschrittenen Stadium - weil sie zu spät getestet wurden. Die Zahl ihrer Immunzellen ist dann bereits dramatisch abgesackt. Manche Kranken zeigen bereits das Vollbild Aids.

Einer, der viel zu spät die Diagnose bekam, ist Maik, 45 Jahre. Seit zehn Jahren weiß er, dass er mit HIV infiziert ist. Erkannt hat man die Krankheit erst, als es fast zu spät war. Durch ständige Durchfälle ist er damals stark dehydriert. Der Pilzbefall im Mund lässt ihn kaum noch schlucken. Bei einer Körpergröße von 1,80 Metern wiegt er nur noch 59 Kilo – ein Bild des Jammers. Obwohl er jahrelang von Arzt zu Arzt tingelt, wird immer nur an den Symptomen herumgedoktert.

Noch immer ein Tabu

„Bei den Ärzten sind die Hemmungen groß, einen darauf anzusprechen“, berichtet Maik. Trotz jahrzehntelanger Kampagnen ist HIV noch immer ein Tabu. Das Thema HIV umgibt noch immer ein Dunst aus schwulem Sex, Promiskuität, Siechtum und Tod. Einen heterosexuellen Familienvater nach der Möglichkeit einer HIV-Infektion zu fragen, fällt nicht leicht - schwingt doch unterschwellig mit, er habe vielleicht Sex mit Männern. Doch selbst bei Maik, der offen über seine Homosexualität spricht, wollte lange kein Arzt an Aids denken.

Auch er selbst packte das Thema nicht beim Schopf: „Ich habe jahrelang verdrängt, dass der Grund für meine Probleme eine HIV-Infektion sein könnte“, sagt er. Durchfall? Pilzinfektionen? Gewichtsverlust? So was kann schließlich jeden treffen. Die früher jährlichen Termine zum HIV-Test lässt er sausen, als seine Partnerschaft zerbricht.

Die Angst vor der Diagnose

„Die Angst vor der Diagnose war riesig. Ich habe geglaubt, wenn ich HIV habe, ist mein Leben zu Ende“, sagt er. Zwar war schon damals HIV kein Todesurteil mehr. „Trotzdem war für mich eine Infektion gleichbedeutend damit, dass ich meine Träume nicht mehr verwirklichen kann, dass ich nie mehr einen Partner finde und meinen Job verliere.“

Tatsächlich ermöglichen moderne HIV-Therapeutika Betroffenen ein fast vollkommen normales Leben. Mit ihnen lässt sich die Virenlast im Blut so weit nach unten drücken, dass sich niemand mehr anstecken kann. „Viele Menschen wissen nicht, dass mit HIV inzwischen alles möglich ist: sogar Kinder auf natürlichem Wege zeugen und gebären oder Sex ohne Kondom genießen“, bestätigt Holger Wicht.

So früh wie möglich handeln

Noch viel weniger bekannt ist, dass es einen großen Unterschied macht, wann man mit der Behandlung beginnt. Wenn die ersten Symptome auftreten, kann das Virus schon einigen Schaden angerichtet haben.

„Die Vorstellung, die wir früher hatten, dass HIV jahrelang im Körper schlummert, stimmt so nicht“, sagt Dr. Armin Schafberger von der deutschen Aidshilfe im e-happiness-Gespräch. „HIV schlägt eine Kerbe in unser Immunsystem – je mehr Zeit verstreicht, desto tiefer wird sie“, so der Mediziner.

HIV schlummert nicht

Auch wenn der Patient selbst noch nichts bemerkt: Sein Immunsystem ist von Anfang an ständig mit der Infektion beschäftigt. Die Folge ist eine permanente Entzündungsreaktion. Bestimmte Krebsarten und Herz-Kreislauf-Erkrankungen treten darum häufiger bei HIV-Infizierten auf.

Sinkt die Zahl der Abwehrzellen weiter, tauchen hartnäckige Infektionen auf. Bei manchen Patienten äußert sich das Virus im Körper in unspezifischen Beschwerden wie Gewichtsabnahme, Nachtschweiß, Erschöpfung. Besonders bei Patienten, die zu keiner Risikogruppe gehören, denkt man da an HIV erst zuletzt. „Bei etwas älteren Frauen wird das dann beispielsweise schnell auf die Wechseljahre geschoben“, so Schafberger.

Aids - letzte Etappe vor dem Tod

Schließlich tritt der Patient in das eigentliche Aids-Stadium ein: Das Virus hat den Weg freigemacht für sogenannte Aids-definierende Erkrankungen wie Zytomegalie, Tuberkulose, spezielle Lungenentzündungen oder Toxoplasmose. Das sind alles gefährliche Keime, die sonst sehr selten auftreten. Bei manchen Patienten entzünden sich auch die Nerven. Folgen können Hörverlust und Erblindung sein. Das HI-Virus kann zudem im späten Stadium die Hirnhäute befallen und eine Enzephalie verursachen, die dauerhafte Behinderung oder gar den Tod nach sich ziehen kann.

Im Zweifel testen!

„Die Tragik ist: Solche Verläufe ließen sich vermeiden, wenn rechtzeitig getestet und behandelt würde“, sagt Holger Wicht. „Kein Aids für alle!“, lautet daher auch das Motto einer Kampagne der Deutschen Aidshilfe. Mit einem Maßnahmenpaket zur Früherkennung will man bewirken, dass bis 2020 kein HIV-Infizierter in Deutschland mehr das Aids-Stadium erreicht.

Auch wenn es Überwindung kostet: Wer riskanten Sex hatte, sollte das Thema von sich aus beim Arzt ansprechen, empfiehlt der Mediziner Schafberger. In aller Regel sei der HIV-Test negativ, dann könne man aufatmen. Falle er positiv aus, könne man den Verlauf stoppen. Auch Holger Wicht betont: „Das, wovor die Leute sich fürchten – nämlich, dass sie schwer erkranken - tritt nur ein, wenn man sich nicht testen und behandeln lässt.“

Rettung vor dem nahen Ende

Für Maik kommt die Rettung an einem Tag im Februar 2008. Sein Gastroenterologe findet in einer Stuhlprobe Krankheitskeime, die typisch für eine weit fortgeschrittene HIV-Infektion sind. „Wir sollten das mal testen“, sagt er. Kurz darauf erhält Maik endlich eine Diagnose - Schock und Erleichterung zugleich.

Dann geht es rasant bergauf: Er erhält Immunglobuline, die sein Immunsystem restaurieren und beginnt die Therapie gegen HIV. „Eine Woche später wäre ich tot gewesen“, sagt er heute. Stattdessen sitzt der Ingenieur einen Monat danach schon wieder im Büro. Bleibende Schäden sind ihm erspart geblieben. Seine tägliche Tablette verträgt er gut. Maik ist sich sicher: „Wäre ich besser informiert gewesen – ich hätte mich viel eher testen lassen.“

Mehr Informationen zur Kampagne: „Kein Aids für alle“ finden Sie hier:
https://kein-aids-fuer-alle.de/