Man mit Organ-Transportkoffer

Die verlorenen Spender

aktualisiert am
Christiane Fux

Christiane Fux studierte in Hamburg Journalismus und Psychologie. Seit 2001 schreibt die erfahrene Medizinredakteurin Magazinartikel, Nachrichten und Sachtexte zu allen denkbaren Gesundheitsthemen. Neben ihrer Arbeit für e-happiness ist Christiane Fux auch in der Prosa unterwegs. 2012 erschien ihr erster Krimi, außerdem schreibt, entwirft und verlegt sie ihre eigenen Krimispiele.

An deutschen Transplantationskliniken herrscht Organ-Notstand. Doch nicht etwa fehlende Spendenbereitschaft ist das Hauptproblem. Oft liegt es an den Kliniken. Was läuft da schief?

Im reichen Deutschland herrscht großer Mangel. An Spenderorganen. Und der hat sich durch die großen Organspende-Skandale noch deutlich verschärft. Nun deckt eine Studie auf, dass gar nicht mehr mangelnde Spendenbereitschaft der Hauptgrund ist. Die Kliniken schaffen es viel zu oft nicht, mögliche Spender zu identifizieren und zu melden.

797 – so viele Menschen wurden im Jahr 2017 zu Organspendern. 2010 waren es noch 1296. Eine niederschmetternde Bilanz. Denn damit standen den Kliniken weniger als 2.700 Spenderorgane zur Verfügung – bei rund 10.000 Menschen, die jedes Jahr auf ein Herz, eine Leber, eine gesunde Niere oder Lunge hoffen.



Dabei ist die Spendenbereitschaft in Deutschland eigentlich hoch: Rund 80 Prozent der Menschen stehen der Organspende positiv gegenüber, 36 Prozent besitzen einen Spenderausweis – so viele wie noch nie. Von denen bestätigen mehr als 90 Prozent ihre Zustimmung zur Organentnahme.

Mehr Spendewillige, weniger Transplantationen

Und auch die Zahl der potenziellen Spender steigt, haben Forscher um Prof. Thorsten Feldkamp und Dr. Kevin Schulte vom Universitätsklinikum Schleswig-Holsteins herausgefunden. Um diese Zahl zu ermitteln, hatten die Wissenschaftler ein spezielles Softwareprogramm entwickelt, das auf den Abrechnungsdaten der Kliniken basiert.

Unter "potenziellen Spendern" versteht man Verstorbene, bei denen eine Organspende wahrscheinlich möglich gewesen wäre. Das sind alle Patienten, die eine schwere Hirnschädigung erlitten haben und auf die kein offensichtliches Ausschlusskriterium zutrifft: „Beispielsweise kann man mit einer aktiven Krebserkrankung natürlich keine Organe spenden“, sagt Dr. Axel Rahmel im Gespräch mit e-happiness. Der Medizinische Vorstand der Deutschen Stiftung Organtransplantation (DSO) war ebenfalls an der Studie beteiligt.

Weiteres Ausschlusskriterium ist, wenn der Körper so stark geschädigt ist, dass es den Ärzten nicht gelingt, den Kreislauf zu stabilisieren. Auch wenn ein Patient nicht auf der Intensivstation liegt und somit nicht künstlich beatmet wird, fällt er als Spender aus. Und dann gibt es schwer Hirngeschädigte, die aber weiterhin selbstständig atmen – ein eindeutiges Zeichen dafür, dass ihr Hirnstamm noch funktioniert, also kein Hirntod besteht.

Insgesamt, so ermittelten die Forscher, stieg die Zahl der potenziellen Spender zwischen 2010 und 2015 um 13,9 Prozent.

Mögliche Spender werden oft nicht gemeldet

Mehr mögliche Spender, mehr Spendenwillige - und trotzdem ein Drittel weniger Transplantationen? Bald stießen die Wissenschaftler auf die Lösung dieses scheinbaren Widerspruchs: Immer mehr geeignete Spender wurden gar nicht an die DSO gemeldet. So gab es 2016 beispielsweise in Nordrhein-Westfalen rund 4600 Todesfälle mit schweren Hirnschädigungen, die vielleicht als Organspender infrage gekommen wären. „Letztlich gemeldet hat man uns davon 369 Fälle“, sagt Rahmel.

Die DSO-Mitarbeiter haben gemeinsam mit den Klinikärzten vor Ort nachgeforscht, was es mit den übrigen Patienten auf sich hatte. "Zumindest bei 911 der übrigen Verstorbenen hätte die Möglichkeit einer Organspende sorgfältig erwogen werden müssen", berichtet Rahmel. So wurde bei 118 von ihnen keine Hirntoddiagnostik durchgeführt, obwohl die Hirnfunktionen wohl unwiederbringlich erloschen waren.

Bei weiteren 371 Patienten bestand ebenfalls keine Hoffnung mehr, dass sich das Gehirn wieder erholen würde. Die Ärzte hatten daraufhin die Therapie in Absprache mit den Angehörigen heruntergefahren. Auf die Möglichkeit einer Organspende angesprochen hatte sie sie zuvor jedoch nicht. „Auch ein Teil dieser Patienten wäre wahrscheinlich als Spender infrage gekommen“, sagt Rahmel.

Hektischer Klinikalltag mangelndes Wissen, psychische Hürden

Wie konnte es passieren, dass so viele mögliche Chancen auf Spenderorgane verpasst wurden? „Da muss man immer den Einzelfall betrachten. Eine nicht unerhebliche Rolle spielt sicher die zunehmende Arbeitsverdichtung in den Kliniken“, sagt Rahmel. Zunächst liege es ja auch nahe, die Therapie bei Hirnverletzten, für die keine Hoffnung mehr besteht, zu beenden. In der Hektik des Klinikalltags werde dann schnell vergessen, dass sie mögliche Spender sind.

Mitunter fehlt in den Kliniken auch das nötige Wissen: Beispielsweise, dass ein Krebsüberlebender zehn Jahre später wieder Spender sein kann. Oder dass auch 75 Jahre alte Organe noch helfen können, wenn sie ausreichend leistungsfähig sind.

Auch psychologische Barrieren können ein Grund sein. Rahmel berichtet von einem speziellen Fall: „Da haben die Eltern eines hirntoten Kindes die Ärzte selbst auf die Möglichkeiten einer Organspende angesprochen. Die Ärzte hatten sich einfach nicht getraut zu fragen.“

Transplantationsbeauftragte in Zeitnot

Dass solche Hürden nicht zu Hindernissen für die Organspende werden, dafür sollen eigentlich die sogenannten Transplantationsbeauftragten sorgen. Sie sind seit 2012 in allen Entnahmekliniken vorgeschrieben. Ihre zentrale Aufgabe ist die einer Schnittstelle zwischen Klinik und DSO. Die speziell ausgebildeten Mediziner müssen im Blick haben, wer als Spender infrage kommt und den Prozess begleiten. „Sie müssen eng mit den Intensivstationen zusammenarbeiten, bei Entscheidungen mit einbezogen werden, aber auch Angehörige aufklären. Das alles kostet Zeit“, erklärt Rahmel.

Die Idee ist gut, doch mit der Umsetzung hapert es noch vielerorts. „Das Problem ist, dass die Aufgaben ebenso wie die Rechte der Transplantationsbeauftragten bislang nicht klar geregelt waren – das war Ländersache“, so Rahmel. Oft wurden den Transplantationsbeauftragten neue Aufgabe übertragen, ohne ihnen die notwendige Zeit einzuräumen, diese auch umzusetzen.

Vorbild Bayern

Eine Ausnahme ist Bayern. Das Bundesland war vom Transplantationsskandal besonders stark betroffen. Auch das mag ein Grund dafür sein, dass man hier die Rolle der Transplantationsbeauftragten besonders gestärkt hat.

In ausgewiesenen Transplantationszentren muss der oder die Beauftragte gänzlich von anderen Aufgaben entbunden werden, in anderen Kliniken mit intensivmedizinischer Versorgung wird der Freistellungsgrad abhängig von der Anzahl der Intensivbetten berechnet: für je zehn Betten ist eine Zehntel Stelle. Die Maßnahmen wirken offenbar: Entgegen dem bisherigen Bundestrend ist die Zahl der entnommenen Organe im Freistaat um 18 Prozent gestiegen.

Das bayerische Modell soll nun Vorbild für andere Bundesländer werden. Im Koalitionsvertrag sind entsprechende Pläne, unter anderem für eine konsequentere Freistellung, bereits festgehalten. „Das ist ein klares politisches Ziel“, so Rahmel.

An die Organspende zu denken muss selbstverständlich werden

Der DSO-Mediziner hofft, dass in diesem Zuge ein Umdenken in Hinblick auf Patienten mit schwerer Hirnschädigung stattfindet. „Wir möchten eine Kultur fördern, in der das Denken an eine Organspende am Lebensende sowohl in der Gesellschaft als auch in den Kliniken selbstverständlich ist“, erklärt der Mediziner. Nur wenn dies Teil der Routine werde, gehe es im stressigen Klinikalltag nicht immer wieder unter.

Kommt endlich die Trendwende?

Erste Erfolge der stetigen Aufklärung durch die DSO und andere Organisationen zeigen sich bereits: Die jüngst veröffentlichten Zahlen melden eine leichte Trendwende, die Mut macht: Erstmals seit Jahren steigt die Zahl der Transplantationen wieder an. Im ersten Halbjahr 2018 konnte bundesweit insgesamt 484 Spendern Organe für eine Transplantation entnommen werden. Das sind beachtliche 72 Spender mehr als von Januar bis Juni 2017.

topobzor.info/doogee-x5-max-pro/

анаболические стероиды

камагра инструкция