Legasthenie

Dr. med. Julia Schwarz

Dr. med. Julia Schwarz ist freie Autorin in der e-happiness-Medizinredaktion.

Carola Felchner

Carola Felchner ist freie Autorin in der e-happiness-Medizinredaktion und geprüfte Trainings- und Ernährungsberaterin. Sie arbeitete bei verschiedenen Fachmagazinen und Online-Portalen, bevor sie sich 2015 als Journalistin selbstständig machte. Vor ihrem Volontariat studierte sie in Kempten und München Übersetzen und Dolmetschen.

Dieser Text entspricht den Vorgaben der ärztlichen Fachliteratur, medizinischen Leitlinien sowie aktuellen Studien und wurde von Medizinern geprüft.

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Bei Menschen mit Legasthenie (auch: Lese-Rechtschreibstörung, LRS) ist die Fähigkeit zu lesen und zu schreiben vermindert. Das bedeutet aber nicht, dass Legastheniker weniger intelligent sind: Sie können schlicht die gesprochene Sprache nur schwer in die geschriebene umwandeln und umgekehrt. Jungen sind davon häufiger betroffen als Mädchen. Die Legasthenie wird meist im Grundschulalter diagnostiziert. Sie kann durch spezielle Förderung positiv beeinflusst werden. Lesen Sie hier alles Wichtige über Legasthenie!

Legasthenie

Kurzübersicht

  • Symptome: unterschiedlich stark ausgeprägt, u. a. Verdrehen, Verwechseln oder Auslassen von Buchstaben, langsames Lesen, Schwierigkeiten mit Groß- und Kleinschreibung. Auch psychische Probleme infolge der Lese-Rechtschreibstörung sind möglich.
  • Ursachen: vermutlich genetisch bedingt
  • Häufigkeit: Schätzungsweise drei bis fünf Prozent der Grundschulkinder sind Legastheniker - Jungen etwa dreimal häufiger als Mädchen. Die Legasthenie findet sich in allen sozialen Schichten.
  • Diagnose: beim (Kinder)Arzt über gezielte Fragen, Hör-/Seh- und Lese-/Schreibtests
  • Behandlung: gezielte Fördermaßnahmen, schulische Entlastung (Notendruck) und Verständnis
  • Prognose: bei frühzeitiger Therapie lassen sich Defizite verringern

Legasthenie: Symptome

Albert Einstein, Leonardo da Vinci und Galileo Galilei hatten etwas gemeinsam: Gemeint ist nicht ihre Genialität - alle drei hatten auch Legasthenie, auch Lese-Rechtschreibstörung (LRS) oder spezielle Lese-Rechtschreibschwäche genannt. Legasthenie schließt also eine (Hoch)Begabung in anderen Bereichen nicht aus. So liegen bei Legasthenikern die übrigen schulischen Leistungen meist im Normbereich. Studien deuten darauf hin, dass bei den Betroffenen nur die fürs Lesen und/oder Schreiben zuständigen Hirnareale eingeschränkt arbeiten.

Die Symptome der Legasthenie können sehr unterschiedlich ausgeprägt sein. Die meisten Betroffenen haben sowohl eine Lesestörung als auch eine Rechtschreibstörung. Es gibt aber auch Legastheniker, die nur eine der beiden Störungen aufweisen.

Symptome einer Lesestörung: Die Betroffenen brauchen oft viel Zeit für den Lesebeginn, lesen meist sehr langsam und geben Worte falsch wieder. Häufig lassen sie Wortteile aus, verdrehen oder ersetzen sie. Sie vertauschen unter Umständen Buchstaben oder Wörter, so dass sie nicht richtig verstehen, was sie gerade gelesen haben.

Symptome einer Rechtschreibstörung: Die Betroffenen schreiben Wörter oftmals so, wie sie sie gehört haben. Sie verwechseln deshalb recht häufig Buchstaben (etwa b mit p, c mit k oder p mit q). Manchmal lassen sie Buchstaben auch ganz weg (z. B. Wahrheit ohne „h“) oder fügen sie in falscher Reihenfolge ein. Sie setzen oft auch Worttrennungen falsch und haben Probleme mit der Groß- und Kleinschreibung.

Sonstige Anzeichen: Legasthenie ist für betroffene Schulkinder eine Belastung. Da sie sich unbekannte Wörter mühsam erarbeiten müssen, geraten sie in Klassenarbeiten oft unter Zeitdruck. Auch dass sie meist viele Fehler machen, ist psychisch belastend. Entsprechend haben (junge) Legastheniker oft wenig Selbstbewusstsein und Angst vor der Schule. Das kann sich vor Prüfungen zu regelrechten Panikattacken und/oder physischen Symptomen wie Bauchschmerzen auswachsen. Sogar Depressionen sind möglich.

Hinweis: Zusammen mit einer Lese- und/oder Rechtschreibstörung tritt manchmal auch eine verminderte Rechenfähigkeit (Dyskalkulie) auf.

Nicht verwechseln mit Lese- und Rechtschreibschwäche!

Eine Legasthenie ist etwas anderes als eine "normale" Lese- und Rechtschreibschwäche. Letztere kann zeitweise auftreten, etwa wenn ein Kind ungünstigen psychosozialen Faktoren wie Wohnungswechsel oder Scheidung der Eltern ausgesetzt ist. Genetische Faktoren spielen hier keine Rolle. Das Kind kann - mithilfe einer kinderpsychologischen Begleitung - in den meisten Fällen seine Lese- und Schreibprobleme wieder lösen.

Eine Lese-Rechtschreibschwäche wird also nur, wenn sie genetisch bedingt ist, als Legasthenie bezeichnet. Manchmal wird dafür auch der Begriff "spezielle Lese-Rechtschreibschwäche" verwendet.

Sonderfall: Dyslexie

Eine Dyslexie ist eine Lesestörung, die häufig im Rahmen einer Legasthenie auftritt. Sie kann unterschiedlich stark ausgeprägt sein und durch genetische Faktoren begünstigt werden. Öfter als eine solche angeborene Dyslexie ist jedoch die erworbene Dyslexie: Hier wurde das Gehirn beziehungsweise die für das Lesen zuständige Hirnregion durch einen Unfall oder Schlaganfall geschädigt.

Typischerweise verlangsamt sich die Lesegeschwindigkeit bei Dyslexie drastisch. Oft verstehen Betroffene das Gelesene nicht, verrutschen in der Zeile oder verdrehen Buchstaben.

Ein Arzt kann mittels verschiedener Untersuchungen und eines speziellen Tests Dyslexie feststellen. Mit viel Verständnis, einer speziellen Förderung und einer angepassten Leistungsbewertung in der Schule kann man betroffenen Kindern wirksam helfen.

Mehr zum Thema lesen Sie im Beitrag Dyslexie.

Legasthenie: Behandlung

Eine Legasthenie sollte möglichst früh therapiert werden. Das hat zwei Gründe: Zum einen sind Förderungsmaßnahmen erfolgsversprechender, wenn sie frühzeitig angewendet werden. Zum anderen ist bei einem frühen Therapiebeginn je nach Ausprägung der Störung die Wahrscheinlichkeit geringer, dass Betroffene die Schule abbrechen oder nur schwer eine qualifizierte Berufsausbildung bekommen.

Das Wichtigste ist: Das betroffene Kind sollte von Eltern und Lehrern viel Verständnis und Geduld erfahren. Leistungsdruck zuhause und in der Schule kann die Legasthenie nämlich verschlimmern. Das Gleiche gilt für Kränkungen durch Mitschüler. Solche ungünstigen Reaktionen des Umfelds auf die Lernstörung können zudem das Risiko erhöhen, dass der Legastheniker psychisch erkrankt. Das Kind muss diesem Teufelskreis möglichst schnell entzogen werden.

Zudem lässt sich eine Legasthenie durch gezielte Therapie-Maßnahmen positiv beeinflussen. Meistens ist dafür eine außerschulische Förderung nötig. Die Kinder trainieren dabei mit speziellen Lese- und Schreibübungen. Dabei kommen rhythmische Lesehilfen oder Computerprogramme zum Einsatz.

Hinweis: Häufig benötigen die Kinder über die Förderung hinaus psychotherapeutische Unterstützung. Das gilt besonders dann, wenn begleitend eine psychische Erkrankung (wie Depression) auftritt. Depressionen können verhindern, dass sich die Lese- und Schreibfähigkeit des Kindes verbessert.

Durch einen Nachteilsausgleich (umgangssprachlich Legasthenie-Erlass, LRS-Erlass) werden die schulischen Leistungen eines Kindes mit Legasthenie im Sinne eines „Notenschutzes“ anders bewertet. So sollen Nachteile für das Kind, die sich durch die Lernstörung ergeben, ausgeglichen und das Kind von schulischem Druck etwas entlastet werden. Das kann zwar auch zur Stigmatisierung führen. Oft aber ist das betroffene Kind (und die Familie) froh, eine Diagnose zu haben und baut dank des „Notenschutzes“ Selbstvertrauen und Selbstwertgefühl auf.

Der Nachteilsausgleich wird in jedem Bundesland vom jeweiligen Kultusministerium festgelegt. Hat ein Arzt mittels Legasthenie-Tests die Lernstörung diagnostiziert, kann ein Antrag auf einen solchen Ausgleich gestellt werden.

Legasthenie: Ursachen und Risikofaktoren

Die Ursachen für eine Legasthenie sind noch nicht eindeutig geklärt. Man geht aber mittlerweile davon aus, dass genetische Faktoren eine große Rolle bei der Entstehung der Lernstörung spielen. Legasthenie betrifft nämlich oft mehrere Mitglieder einer Familie.

Tatsächlich wurden verschiedene Gene identifiziert, die einen Einfluss auf die Lese- und Rechtschreibfähigkeit haben. Sie sind für die Entwicklung jener Hirnbereiche verantwortlich, welche die gesprochene Sprache wahrnehmen und sie in die geschriebene Sprache umwandeln.

Offenbar werden schon bei Neugeborenen mit Legasthenie akustische Signale anders wahrgenommen und verarbeitet. Des Weiteren beobachteten Forscher, dass die Hirnareale, die für die Sprachverarbeitung verantwortlich sind, bei Legasthenie weniger synchron arbeiten und schlechter vernetzt sind. Die Betroffenen können sich beim Lesen häufig auch schlechter konzentrieren.

Darüber hinaus können folgende Faktoren eine Legasthenie begünstigen oder begleiten:

Sprachentwicklungsverzögerungen: Die meisten Kinder beginnen im Alter von 18 bis 24 Monaten mit Zwei-Wort-Sätzen und können bis zu 50 verschiedene Wörter sprechen. Etwa 20 Prozent der Kinder weisen aber eine verzögerte Sprachentwicklung auf. Etwa die Hälfte dieser Kinder leiden unter Legasthenie, wie Forschungen ergaben.

Psychosoziale Faktoren: Zwar finden sich Legastheniker in allen sozialen Schichten. Ein ungünstiges soziales Milieu gilt allerdings als Risikofaktor für die Entstehung der speziellen Lese- und Rechtschreibschwäche. Ist das Ausbildungsniveau der Eltern hoch, unterstützen sie das Kind sowohl emotional als auch praktisch beim Lernen und den Hausaufgaben. Dies wirkt offenbar Lese- und Rechtschreibproblemen entgegen.

Beeinträchtigte visuelle Wahrnehmung: Offenbar ist die Steuerung der Augenbewegungen bei Legasthenikern beeinträchtigt, weshalb sie beispielsweise nur langsam lesen können. Kinder, die zu langsam lesen, können sich am Satzende teilweise nicht mehr an den Inhalt des Satzanfangs erinnern. Manchmal sind die sogenannten Blicksprünge der Augen unpräzise. Die Betroffenen verrutschen dann leichter in der Zeile oder überspringen Wörter.

Geschwächtes phonologisches Bewusstsein: Das phonologische Bewusstsein sorgt dafür, dass beim Lesen die Wörter entschlüsselt und verstanden werden. Bei Menschen mit einer Legasthenie ist es geschwächt.

Legasthenie: Untersuchungen und Diagnose

Wenn Sie bei Ihrem Kind eine Legasthenie vermuten, sollten Sie möglichst früh zum Kinderarzt gehen. Je eher die Lernstörung diagnostiziert und behandelt wird, desto besser ist die Prognose. Der Arzt wird sich zunächst ausführlich mit Ihnen unterhalten, um für die Diagnose wichtige Information einzuholen. Mögliche Fragen dabei sind:

  • Wie hat sich Ihr Kind bisher entwickelt?
  • Wann hat Ihr Kind begonnen zu sprechen?
  • Wie kommt Ihr Kind mit den Hausaufgaben zurecht?
  • Geht Ihr Kind gerne zur Schule?
  • Leidet ein Familienmitglied bereits unter Legasthenie?

Anschließend folgen verschiedene Tests. Sie dienen vor allem dazu, andere mögliche Ursachen für die Probleme beim Lesen und/oder bei der Rechtschreibung auszuschließen. Dazu werden verschiedene Parameter untersucht wie zum Beispiel:

Hör- und Sehfähigkeit: Eine Hör- oder Sehminderung kann zu ähnlichen Symptomen wie bei einer Legasthenie führen. Sie muss aber völlig anders therapiert werden. Daher ist es sehr wichtig, solche Erkrankungen auszuschließen.

Zustand der Hirnstruktur: Die Messung der Hirnströme (Elektroenzephalografie, EEG) kann zum Beispiel Hinweise auf eine Schädigung der Hirnstruktur liefern.

Lese- und Rechtschreibfähigkeit: Beides wird geprüft, indem man das Kind vorlesen beziehungsweise einen kleinen Text schreiben lässt.

Psychische Befindlichkeit und Konzentrationsfähigkeit: Ob und wie stark sich die Probleme beim Lesen und/oder Schreiben auf die Psyche der kleinen Patienten auswirken, kann der Arzt mittels spezieller Tests feststellen. Dazu zählen zum Beispiel der "Depressionstest für Kinder" (DTK, ein Fragebogen) sowie die "Testbatterie für Aufmerksamkeitsdefizite" (TAP).

Intelligenztest: Damit lässt sich feststellen, ob die im Vergleich zu Gleichaltrigen schlechteren Leistungen des Kindes auf eine niedrigere Intelligenz (und nicht auf eine Lernstörung) zurückzuführen sind. Dabei wird auch ermittelt, wie groß der Unterschied zwischen der Intelligenz und der Leistungsfähigkeit in der Rechtschreibung ist.

Legasthenie: Verlauf und Prognose

Einer Legasthenie kann man nicht vorbeugen. Sie lässt sich aber durch verschiedene therapeutische Maßnahmen gut behandeln. Vor allem, wenn sie frühzeitig erkannt und therapiert wird, lassen sich die Defizite gegenüber Nicht-Legasthenikern oft deutlich verringern. Die Lesestörung verbessert sich dabei oftmals schneller als die Rechtschreibstörung.

Da die Legasthenie die betroffenen Kinder seelisch sehr belasten kann, besteht immer die Gefahr von psychischen Problemen. Die Kinder entwickeln zum Beispiel Versagensängste, Angst vor der Schule, werden lustlos und ziehen sich zurück. Depressive Verstimmungen sowie psychosomatische Beschwerden wie Bauchschmerzen oder Schlafstörungen sind weitere mögliche Folgen. Wenn die Legasthenie frühzeitig erkannt und behandelt wird, kann oft aber auch solchen Komplikationen vorgebeugt werden.

Weiterführende Informationen:

Bücher:

  • Legasthenie - LRS: Modelle, Diagnose, Therapie und Förderung (Christian Klicpera, Alfred Schabmann, Barbara Gasteiger-Klicpera, Barabara Schmidt,UTB HmbH, 2017)
  • Ratgeber Legasthenie: Frühzeitig erkennen. Richtig reagieren. Gezielt behandeln. (Dr. med Gerd Schulte-Körne, Nikol, 2014)

Leitlinie:

  • Leitlinie "" der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie (2015)

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