Darmkrebs „Jedes Jahr eine Stadt, so groß wie Landshut“

Dr. Andrea Bannert

Dr. Andrea Bannert ist seit 2013 bei e-happiness. Die promovierte Biologin und Medizinredakteurin forschte zunächst in der Mikrobiologie und ist im Team die Expertin für das Klitzekleine: Bakterien, Viren, Moleküle und Gene. Sie arbeitet freiberuflich zudem für den Bayerischen Rundfunk und verschiedene Wissenschaftsmagazine und schreibt Fantasy-Romane und Kindergeschichten.

Darmkrebs ist extrem heimtückisch: Er verursacht jahrelang keine Beschwerden. Wenn man die Krankheit bemerkt, ist es oft zu spät, weil sich der Krebs ausgebreitet hat. Warum die Darmkrebsfrüherkennung Leben rettet, erklärt der Gastroenterologe Dr. med. Stefan von Delius* im e-happiness-Interview.

Herr Dr. von Delius, die Krankenkasse bezahlt die Darmspiegelung für Menschen ab 55 Jahren. Warum gehen trotzdem so wenige hin?

Darmkrebs ist leider ein Thema, mit dem sich die meisten Menschen nicht gerne befassen. In Anbetracht der Bedeutung der Erkrankung muss ich allerdings sagen: das ist falsch! Ein weiterer Grund könnte sein, dass für die Darmspiegelung eine gewisse Vorbereitung nötig ist: Der Darm muss entleert werden und das schreckt manche ab. Dabei ist das eigentlich nicht schlimm. Es gibt neue Substanzen, die die Prozedur des Abführens erträglich machen. Auch für die Darmspiegelung selbst können Sie sich zum Beispiel eine Schlafspritze geben lassen, die Schmerzen ausschaltet.

Neben der klassischen Darmspiegelung existieren ja noch weitere Vorsorgemöglichkeiten. Was sind das für Untersuchungen und wie gut sind sie im Vergleich?

Die Darmspiegelung ist auf jeden Fall die beste Möglichkeit zur Früherkennung, weil Ärzte so den gesamten Darm einsehen und gleichzeitig Krebsvorstufen entfernen können. Aber es gibt Alternativen, wenn Sie die Untersuchung partout nicht möchten. Zum Beispiel den Test auf verstecktes Blut im Stuhl, den sogenannten Löschblatt- oder Hämoccult-Test.

Allerdings ist die Wahrscheinlichkeit deutlich schlechter als bei der Darmspiegelung, dass man einen bereits vorhandenen Darmkrebs erkennt. Bei einmaliger Anwendung liegt die Entdeckungsrate zwischen 20 und 40 Prozent. Wiederholt man den Stuhltest jährlich, kann die Entdeckungsrate aber gesteigert werden.

Eine neue Methode ist die Videokapsel, die durch den Darm reist und Bilder aus dem Inneren funkt.

Die Kapsel ist eine Art große Tablette, die man schlucken kann. Aber auch hier gilt: Der Patient kommt um die Darmentleerung nicht herum, sonst sieht der Arzt nichts. Die Kapsel besitzt eine eingebaute Kamera, die den Darm in vielen einzelnen Bildern abfotografiert, während sie durch den Körper wandert. Die Bilder werden per Funkwellen auf einen umgeschnallten kleinen Recorder geschickt und später ausgewertet.

Mit neueren Kapselgenerationen kommt man auf eine etwas geringere Trefferwahrscheinlichkeit als bei der Darmspiegelung – sie liegt aber bei bis zu 90 Prozent. Ist der Befund positiv, muss aber wiederum eine Darmspiegelung folgen. Denn nur so können Ärzte die Polypen – das sind gutartige Vorläufer - abtragen oder eine Gewebeprobe entnehmen, falls Tumore vorhanden sind. Die Videokapsel-Untersuchung ist teuer und wird von der Krankenkasse nicht übernommen.

Stimmt es, dass sich Darmkrebs zu 100 Prozent verhindern lässt, wenn man ihn frühzeitig erkennt?

Ja, das stimmt nahezu. Es geht uns ja bei der Früherkennung vor allem um die Vorstufen, die in der Regel noch gutartig sind. Wenn sie entfernt werden, lässt sich die Entwicklung von Darmkrebs effektiv verhindern. Und das ist ja unser Ziel.

Angenommen, mein Testergebnis ist negativ. Wie sicher kann ich sein, dass bei mir tatsächlich kein Darmkrebs wächst?

Sehr sicher. In weit weniger als fünf Prozent der Fälle werden Tumore bei der Dickdarmspiegelung übersehen. Bei Polypen hängt es von der Größe ab. Wenn sie ganz klein sind, können sie hinter Darmfalten rutschen und werden so für den Untersucher unsichtbar. Das passiert aber ebenfalls selten, ich schätze in zehn Prozent der Fälle.

Nicht alle haben Glück und das Testergebnis ist positiv. Was dann?

Wenn Polypen gefunden werden, muss man keine Angst haben. Sie werden während der Untersuchung mit kleinen Zangen oder Schlingen entfernt und zu einer Gewebeuntersuchung eingeschickt. Wurde der Polyp komplett abgetragen, sinkt das Darmkrebsrisiko an dieser Stelle der Schleimhaut auf Null. Aber auch wenn Darmkrebs entdeckt wurde, muss niemand in Panik verfallen. Wichtig ist es, sich in die Hände eines Spezialisten zu geben. Die chirurgischen Therapien sind heute sehr gut.

Wer soll wann zur Darmkrebsvorsorge?

Wenn man gesund ist und keine Beschwerden hat, lautet die allgemeine Empfehlung: ab dem 50. Lebensjahr. Ab diesem Alter zahlt die gesetzliche Krankenkasse den Stuhlbluttest, ab 55 Jahren die Darmspiegelung. Besonders aufpassen müssen Personen, in deren Familie Darmkrebs aufgetreten ist. Dann gelten andere Altersgrenzen. Wenn ein Verwandter ersten Grades an Darmkrebs erkrankt ist, sollte der Angehörige spätestens mit 40 bis 45 Jahren zur Vorsorge gehen. Eine andere Regel lautet: zehn Jahre, bevor der Krebs bei diesem Verwandten aufgetreten ist.

Mit welchen schlagkräftigen Argumenten würden sie Bedenkenträger zur Darmkrebsvorsorge motivieren?

Vielleicht dadurch, dass sie sich folgende Zahlen vor Augen führen: In Deutschland erkranken jedes Jahr 65.000 Menschen neu an Darmkrebs. Das entspricht einer Stadt der Größe von Landshut. Diese gewaltige Zahl ließe sich reduzieren, wenn jeder ab 50 zur Vorsorge ginge - die Risikogruppen natürlich entsprechend früher. Darmkrebs kann verhindert werden.

Herr Dr. von Delius, wir danken Ihnen für das Gespräch.

*PD Dr. med. Stefan von Delius ist ärztlicher Leiter der Endoskopie der II. Medizinischen Klinik am Klinikum rechts der Isar der Technischen Universität München.