Lisa beim Kaffeetrinken

„Ich habe es begrüßt, mich schlecht zu fühlen.“

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Christiane Fux

Christiane Fux studierte in Hamburg Journalismus und Psychologie. Seit 2001 schreibt die erfahrene Medizinredakteurin Magazinartikel, Nachrichten und Sachtexte zu allen denkbaren Gesundheitsthemen. Neben ihrer Arbeit für e-happiness ist Christiane Fux auch in der Prosa unterwegs. 2012 erschien ihr erster Krimi, außerdem schreibt, entwirft und verlegt sie ihre eigenen Krimispiele.

Vor allem junge Frauen mit Diabetes setzen manchmal auf eine lebensgefährliche Abnehm-Strategie: Sie spritzen sich absichtlich zu wenig Insulin. Dann wird ein Teil des Zuckers aus dem Blut über die Nieren ausgeschwemmt und nicht zu Fett umgebaut. Doch die Methode ist lebensgefährlich.

Lisa Schütte

Lisa Schütte

Lisa ist Studentin der Germanistik und Geschichte in Kassel. Sie ist im Alter von zehn Jahren an Typ-1-Diabetes erkrankt. Als angehende Journalistin ist Schreiben ihre große Leidenschaft. Mehr zu Lisa und ihrer Geschichte lesen Sie in Ihrem Blog „Lisabetes“ unter https://lisabetes.de/

Auch Lisa hat unter „Diabulimie“ gelitten, wie das Phänomen in Anlehnung an die Essstörung Bulimie inzwischen genannt wird. Im e-happiness-Gespräch berichtet sie, wie sich die Störung bei ihr eingeschlichen hat, wie sie damit ihr Leben riskierte und wie man sie überwinden kann.

Lisa, Sie sind jetzt 28 Jahre alt. Vor 18 Jahren sind Sie an Typ-1-Diabetes erkrankt. Irgendwann haben Sie begonnen, zu wenig Insulin zu spitzen. Wann ist die Sache bei Ihnen aus dem Ruder gelaufen?

Das fing in der Pubertät an. Anfangs war das noch eher so eine Null-Bock-Haltung, die viele junge Diabetiker in dieser Phase entwickeln. Man will genauso sein wie seine Freunde, nämlich normal. Außerdem hat man in dieser Zeit ja ganz viele andere Dinge im Kopf. Für den Diabetes war damals bei mir gar kein Platz mehr. Gespritzt habe ich nur zu Hause und nur, wenn ich gerade mal dran gedacht habe.

Ist das niemandem aufgefallen? Ihr Langzeitblutzuckerwert, der HBA1C-Wert, muss doch katastrophal gewesen sein.

Natürlich ist das aufgefallen. Ich habe zwar meine Diabetestagebücher gefälscht, aber die passten nicht zu den Langzeitwerten. Da gab es tatsächlich großen Ärger mit den Ärzten und mit meinen Eltern. Aber das hat nur bewirkt, dass ich noch weniger Lust hatte, mich mit meinem Diabetes auseinanderzusetzen.

Irgendwann haben Sie dann ziemlich zugenommen.

Richtig. Die Hormonänderungen in der Pubertät haben die Wirkung des Insulins beeinflusst. Ich hatte plötzlich dauernd Unterzucker. Meine Mutter musste mir mitten in der Nacht Butterbrote schmieren und Apfelsaft zu trinken geben. Vorher war ich immer viel zu dünn und habe versucht zuzunehmen. Und innerhalb eines Jahres wog ich dann plötzlich 20 Kilo mehr.

Das war vermutlich gerade in dieser labilen Lebensphase ganz schön belastend.

Klar. Auf einmal kamen Sprüche wie „Jetzt haste aber runde Bäckchen gekriegt“ oder „Da musste dich mal mehr bewegen“. In der Schule wurde ich deswegen sogar ab und zu gemobbt. Auch die Ärzte haben Druck gemacht. Da habe ich dann versucht, mein Gewicht zu reduzieren. Erst ganz normal mit Sport und bewusster Ernährung. Am Anfang hat das auch funktioniert.

Und dann?

Dann hat das Gewicht stagniert, und das fand ich unheimlich frustrierend. Das war der Punkt, an dem ich das Zu-wenig-Spritzen forciert habe. Mit 21 bin ich nach dem Abitur fürs Studium nach Kassel gezogen, da hat mich dann keiner mehr kontrolliert.

Der Zusammenhang war Ihnen also bewusst, dass der Zucker ohne Insulin vom Körper nicht verarbeitet, sondern ausgeschieden wird.

Ja, und das hat natürlich funktioniert. Ich habe die 20 Kilo wieder abgenommen.

Abgesehen von Spätfolgen wie Nierenversagen, Erblindung oder Amputationen verursachen überhöhte Zuckerwerte auch akute Beschwerden. Es kann Ihnen also in dieser Zeit nicht gut gegangen sein.

Nein. Anfangs hatte ich die klassischen Symptome: dauernd Durst, dauernd aufs Klo. Irgendwann ist mir dann immer so übel geworden, dass ich mich übergeben habe. Das war dann der Moment, wo ich mir gesagt habe, „Jetzt spritze ich mal lieber zehn Einheiten“.

Dass es Ihnen so schlecht ging, hat Sie nicht zur Vernunft kommen lassen?

Nein, ich habe es sogar begrüßt, mich schlecht zu fühlen. Ich wusste ja, dann nehme ich ab! Man ist irgendwann total verdreht. Insulin ist für mich regelrecht zur Bedrohung geworden. Ich habe gedacht, sobald ich das Zeug spitze, kriege ich ‘ne Unterzuckerung und muss essen, obwohl ich nicht will. Dann nehme ich zu und werde dick, so wie früher. Das wollte ich alles nicht.

Ähnlich wie bei einer Essstörung wie Magersucht, wo Hungergefühle willkommen sind und jede ungeplante Kalorie zur Bedrohung wird.

Da gibt es auf jeden Fall Parallelen.

Hat denn keiner gemerkt, was mit Ihnen los war?

Nein. Mein Freund und meine Mitbewohnerin wussten zu wenig über Diabetes – und das habe ich auch bewusst so gelassen. Meine Mutter hat allerdings schon was gemerkt, wenn ich nach Hause gefahren bin. Bei sehr hohen Zuckerwerten fängt man an, nach Azeton zu riechen. Ich habe dann abgewiegelt und gesagt, dass der Blutzucker morgens ein bisschen hoch war, aber sonst alles in Ordnung ist.

Wie hoch waren Ihre Werte denn so?

Das weiß ich nicht. Seit ich zuhause ausgezogen war, hatte ich kein Messgerät mehr.

Im Ernst? War Ihnen nicht klar, wie riskant das ist, was Sie da treiben?

Ich dachte immer, ich kenne meinen Körper und ich kenne auch die Krankheit. Bevor was Schlimmes passiert, spritze ich mir schnell Insulin, habe ich mir gedacht. Aber das funktioniert nicht, man hat keine Kontrolle darüber! Es geht dann doch viel schneller, als man denkt. Irgendwann bin ich auf der Intensivstation aufgewacht und meine Eltern standen an meinem Bett. Ich war wegen des wahnsinnig hohen Blutzuckers in ein ketoazidotisches Koma gefallen.

Das ist lebensgefährlich. Was war passiert?

Ich hatte mich in der Nacht schon übergeben, aber ich glaube, meine Angst vor dem Insulin war damals so groß, dass sich selbst dann nicht mehr gespritzt habe. Ich weiß nicht, was am Ende passiert ist. Aber mein Verstand war wie benebelt und ich bin gar nicht mehr auf die Idee gekommen, mir Insulin zu spritzen.

War das der Wendepunkt für Sie?

Ja. Ich habe wirklich Panik bekommen. Schon im Krankenhaus habe ich mir ein Blutzuckermessgerät bestellt. Allerdings habe ich immer noch versucht zu verheimlichen, was wirklich los war. Ich habe behautet, mein Insulin-Pen müsse kaputt sein. Die Ärzte haben zwar nichts gesagt, aber ich bin sicher, die haben mir das nicht abgekauft. Stattdessen haben sie mich bei der Entlassung per Taxi zu einer Diabetologin fahren lassen. Denen war klar, aus Eigeninitiative würde ich da nicht hingehen. Und mit der Diabetologin hatte ich großes Glück. Irgendwann habe ich es geschafft, mich ihr anzuvertrauen.

Was ist heute anders?

Ich gehe jetzt völlig anders mit der Krankheit um. Früher wollte ich mit anderen Diabetikern nichts zu tun haben. Heute freue ich mich, dass ich mich mit Leuten austauschen kann, die mich verstehen, wenn’s mal nicht so gut läuft. Ich habe auch meine Familie und meinen Freund gebeten, mir zu helfen und mich ab und zu zu kontrollieren. Ich weiß, alleine rutsche ich irgendwann wieder ab.

Erleben Sie denn Rückfälle?

Manchmal, wenn ich viel Pizza oder Nudeln gegessen habe, kommen die alten Gedanken wieder hoch. Manchmal spritze ich dann auch heute noch nicht. Aber das ist selten geworden – es passiert mir vielleicht noch einmal im Jahr. Aber spätestens bei einem Blutzuckerwert 400 ist Schluss, dann geht es mir so schlecht, dass ich doch Insulin spritze.

Sie betreiben einen Blog zu Ihren Erfahrungen. Da melden sich auch andere Betroffene, die Insulin weglassen, um abzunehmen. Was raten Sie denen?

Offen sein, reden, sich Hilfe suchen! Ohne psychologische Hilfe kommt man aus der Nummer nicht raus. Da muss man allerdings hartnäckig sein. Auch viele Diabetesmediziner haben von dem Phänomen „Diabulimie“ oder „Insulin-Purgin“, wie es auch genannt wird, noch nie was gehört. Am besten wäre natürlich ein Psychodiabetologe. Doch davon gibt’s leider nur wenige.

Sie selbst haben einen Nierenschaden zurückbehalten.

Ja. Ich muss Medikamente nehmen und ich muss mich mit Eiweiß zurückhalten. Derzeit laufen meine Nieren auf 130 Prozent. Wenn ich Pech habe, ist das das letzte Aufbäumen, bevor sie richtig schlappmachen. Alles in allem habe ich Glück gehabt, sagen die Ärzte. Ich könnte jetzt auch gar nicht mehr da sein.

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