„Die Adipositas-Chirurgie wird gesellschaftsfähig“

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Christiane Fux

Christiane Fux studierte in Hamburg Journalismus und Psychologie. Seit 2001 schreibt die erfahrene Medizinredakteurin Magazinartikel, Nachrichten und Sachtexte zu allen denkbaren Gesundheitsthemen. Neben ihrer Arbeit für e-happiness ist Christiane Fux auch in der Prosa unterwegs. 2012 erschien ihr erster Krimi, außerdem schreibt, entwirft und verlegt sie ihre eigenen Krimispiele.

Operationen zur Magenverkleinerung sind für stark übergewichtige Menschen oft die einzige Hoffnung, ihr Gewicht dauerhaft zu reduzieren. In ganz Westeuropa werden solche Eingriffe seit Jahren häufig durchgeführt – mit Ausnahme von Deutschland. Warum das so ist und was man als Betroffener tun kann, erklärt Adipositas-Chirurg Prof. Thomas Hüttl im e-happiness-Gespräch.

Prof. Thomas Hüttl

Prof. Dr. med. Thomas P. Hüttl ist Ärztlicher Direktor am Adipositas Zentrum München. Er ist Facharzt für Viszeralchirurgie, Proktologie sowie Ernährungs- und Sportmedizin.

Herr Prof. Hüttl, in Belgien werden, bezogen auf die Einwohnerzahl, zwölfmal so viele Magenverkleinerungen durchgeführt wie hierzulande, in Frankreich sechsmal so viele und in Österreich immer noch die dreifache Anzahl. Sind wir Deutschen so viel schlanker?

Mit Sicherheit nicht. Im europäischen Vergleich liegen wir in in den Statistiken zu Übergewicht und Fettleibigkeit immer auf den vordersten Plätzen. Bei uns werden Patienten aber oft erst mit einem BMI von 50, 60 oder sogar 70 operiert. Bei unseren Nachbarn fängt man damit viel früher an – die finden das völlig verrückt.

Warum ist man hierzulande mit solchen Eingriffen so zurückhaltend?

Dass man Adipositas als Krankheit akzeptiert, ist in Deutschland immer noch nicht verbreitet. Dabei hat die Weltgesundheitsorganisation Fettleibigkeit schon im Jahr 2000 als Krankheit definiert. Das ist fast 20 Jahre her!

Woran hapert es?

Bei uns steckt immer noch in vielen Köpfen: Dicke fressen zu viel – würden die weniger essen, verschwände auch das Problem. So was bekomme ich sogar heute noch von Hausärzten zu hören.

Dabei weiß man, dass konventionelle Abnehmprogramme bei starkem Übergewicht wenig bringen.

Die greifen viel zu kurz. Im Schnitt schafft man es damit vielleicht, zehn Kilo abzunehmen und das dann zwei Jahre zu halten. Toll, wenn Sie nur 20 Kilo Übergewicht mitbringen. Aber wenn Sie 160 Kilo wiegen, sind zehn Kilo weniger gesundheitlich nahezu irrelevant.

Also lieber gleich unters Messer?

Das würde ich nicht sagen. Wenn ich mich mein ganzes Leben nicht um mich gekümmert habe und dann als erstes an die Tür des Chirurgen klopfe, ist das auch nicht der Schlüssel zum Erfolg. Vor der Operation muss beim Patienten ein Umdenken stattfinden. Für Viele ist es sinnvoll, erstmal ein Abnehmprogramm zu versuchen, auch wenn sie damit nur ein paar Kilos abnehmen. Es geht darum, dass sich jemand mit seiner Krankheit auseinandersetzt und damit, was eine gesunde Lebensführung bedeutet. Erst wenn das in den Köpfen drin ist, ist es sinnvoll, zu operieren.

Magenoperationen bewirken ja nicht nur eine Gewichtsabnahme, sie haben auch erstaunliche Begleiteffekte.

Was man als Erstes beobachtet hat, ist, dass ein Diabetes, unter dem ja viele schwergewichtige Menschen leiden, deutlich besser wird. Und zwar unabhängig von der Gewichtsabnahme. Wenn wir die Patienten eine Woche nach der OP nach Hause entlassen, brauchen sie meist nur noch halb so viel Insulin. Bei etwa 80 Prozent der Patienten verschwindet der Diabetes sogar nach einiger Zeit ganz. Das ist doch ein Wahnsinnseffekt!

Beim Bluthochdruck beobachtet man ähnliches.

Richtig, auch die Blutdruckwerte gehen plötzlich runter. Die Wahrscheinlichkeit, einen Schlaganfall oder Herzinfarkt zu erleiden, sinkt nach einer OP um 30 Prozent.

Gibt es nicht auch Risiken?

Natürlich. Bei jeder Operation können Komplikationen auftreten, und theoretisch riskieren Sie Ihr Leben. In Zentren, in denen die Magenoperationen häufig gemacht werden, ist das Operationsrisiko aber kaum größer als bei einer Gallenblasen-OP. Bei einem bis 1,5 Prozent der Operierten heilt beispielsweise eine Naht schlecht.

Und langfristig?

Mehr Probleme kann es geben, wenn ein Patient nicht mehr regelmäßig zur Nachsorge auftaucht, weil es ihm wieder gut geht. Zu den Untersuchungen gehört unter anderem, dass man die Vitamine checkt, insbesondere Vitamin B12, aber auch Eisen, damit man nicht in einen Mangel kommt. Adipositas ist eine chronische Erkrankung, da muss man auch nach der Operation dranbleiben.

Viele Patienten müssen sich den Vorwurf gefallen lassen, sie seien zu faul für eine aktive Veränderung ihrer Lebensweise und würden es sich mit einer Magenoperation leicht machen.

Die machen sich das ganz sicher nicht leicht! Unsere Patienten denken sehr differenziert darüber nach, ob sie sich operieren lassen oder nicht. Sie müssen das ja auch ihrer Umwelt kommunizieren: Während alle um sie herum sagen, „Hör doch einfach auf zu fressen“, müssen sie eingestehen, dass sie einen Chirurgen brauchen, um sich von der Adipositas zu lösen. Im Kopf ist das ein ganz großer Schritt. Das ist wie ein Offenbarungseid.

Volkswirtschaftlich rechnen sich die OP-Kosten locker, weil die Folgekosten einer Adipositas so hoch sind. Warum ist es für die Betroffenen dennoch so schwierig, die Kostenübernahme zugesagt zu bekommen?

Die Hürden, die von Seiten der Ärzteschaft aufgestellt werden, sind heute deutlich niedriger als noch vor zwei Jahren. Die OP-Voraussetzungen, die in den ärztlichen Behandlungsleitlinien empfohlen werden, sind viel realistischer geworden. Das Problem sind die Kostenträger.

Inwiefern?

Die Krankenversicherer fordern oft immer noch, dass der Patient zuvor ein aufwendiges multimodales Abnehmprogramm absolviert hat und damit keinen Erfolg hatte. Gleichzeitig bezahlen viele Kostenträger diese Maßnahmen aber gar nicht. Und selbst wenn: Das Angebot solcher Abnehmprogramme ist viel zu klein. Wir haben in Deutschland 1,5 Millionen Menschen, die krankhaft fettsüchtig sind.

Was mich verwirrt: In manchen Bundesländern stehen die Chancen auf Kostenübernahme besser als in anderen.

Das ist tatsächlich ein Unding! Wenn in Berlin oder Hamburg drei- oder viermal so viel operiert wird wie in Bayern, steckt da doch ein Systemfehler drin!

Und der liegt wo?

Ganz einfach: Die Verantwortlichen in den Kassen haben von Land zu Land einen anderen Blick darauf. Dabei sind die Kassen gesetzlich dazu verpflichtet, eine gleichmäßige und gerechte Versorgung zu sichern.

Bessert sich die Lage denn?

Das tut sie. Man hat inzwischen eingesehen, dass wir es mit einer Krankheit zu tun haben, die uns davongaloppiert. Übergewicht und Fettsucht gehen mit enormen sozioökonomische Kosten einher. Denn Adipositas-Folgeerkrankungen wie Diabetes, Bluthochdruck, Krebs und psychische Erkrankungen sind immens teuer in der Behandlung. Es gibt immer mehr Stimmen, die sagen: Konservativ kommen wir nicht voran, aber die Chirurgie ist etwas, das langfristig hilft.

Auch die Patienten machen Druck.

Richtig. Eine rasch wachsende Zahl von Patienten geht inzwischen vor Gericht. Und die bekommen so gut wie immer Recht. Kliniken, wie unsere, operieren inzwischen geeignete Patienten auch ohne die Kassen zu fragen. Wir haben unser Geld bisher noch in jedem Fall bekommen. Die Rechtsprechung ist derart klar, dass die Kassen zum Umdenken gezwungen werden.

Denkt auch die Bevölkerung um?

Die Adipositas-Chirurgie wird langsam gesellschaftsfähig. Ein gutes Beispiel dafür ist unser früherer Außenminister, Sigmar Gabriel. Dem hat man einen Schlauchmagen operiert und er hat kein Geheimnis daraus gemacht. Da stand aber nirgends in der Presse, „Gabriel wurde wegen Übergewicht operiert“. Man hat zum ersten Mal akzeptiert, dass er wegen seines Diabetes operiert wurde. Das ist ein Paradigmenwechsel!

Das kling doch ganz positiv.

Ich bin tatsächlich optimistisch. Vor zehn Jahren bin ich noch beschimpft worden. Man hat mir vorgeworfen, dass ich die Leute verstümmle. Das passiert mir heute nicht mehr.

* Prof. Dr. med. Thomas P. Hüttl ist Ärztlicher Direktor am Adipositas Zentrum München. Er ist Facharzt für Viszeralchirurgie, Proktologie sowie Ernährungs- und Sportmedizin.

Voraussetzungen für eine bariatrische Operation

Wer einen BMI über 40 hat oder bei einem BMI über 35 unter schweren Folgeerkrankungen leidet, kommt für eine bariatrische Operation infrage. Weitere Voraussetzung ist, dass der Patient glaubhaft machen kann, an einem gesünderen Lebensstil im Hinblick auf Ernährung und Bewegung zu arbeiten.

Bisher wird über jeden Kostenübernahmeantrag einzeln entschieden. Lehnt die Krankenkasse ab, können die Patienten Widerspruch einlegen und vor dem Sozialgericht klagen. Insbesondere stark übergewichtige Diabetes-Patienten haben inzwischen sehr gute Chancen, dass die Operation bezahlt wird. Experten fordern jedoch, dass bariatrische Operationen für stark übergewichtige Patienten eine Regelleistung der Krankenkassen werden.

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