Ohrakupunktur

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Christiane Fux

Christiane Fux studierte in Hamburg Journalismus und Psychologie. Seit 2001 schreibt die erfahrene Medizinredakteurin Magazinartikel, Nachrichten und Sachtexte zu allen denkbaren Gesundheitsthemen. Neben ihrer Arbeit für e-happiness ist Christiane Fux auch in der Prosa unterwegs. 2012 erschien ihr erster Krimi, außerdem schreibt, entwirft und verlegt sie ihre eigenen Krimispiele.

Die Ohrakupunktur ist ein Teilgebiet der Akupunktur. Sie ist überschaubarer und leichter zu erlernen als die traditionell-chinesische Körperakupunktur. Dabei bietet sie ein weites Spektrum an Anwendungsmöglichkeiten. Insbesondere für die Behandlung von Schmerzen, Allergien und seelischen Befindlichkeitsstörungen ist die Ohrakupunktur geeignet. Aber auch bei Raucherentwöhnung oder Gewichtsreduktion wird sie oft erfolgreich eingesetzt. Lesen Sie hier, wann die Ohrakupunktur sinnvoll ist und wie die Behandlung abläuft.

Frau bei der Ohrakupunktur

Besonderheiten der Ohrakupunktur

Die Ohrakupunktur (Auriculotherapie) ist relativ schmerzarm und wird gut toleriert. Besonders bemerkenswert ist der meist sehr schnelle Eintritt der Wirkung der Ohrakupunktur. Das gilt besonders für die Behandlung von Schmerzen des Bewegungssystems.

Bei der Ohrakupunktur ist für jedes Organ im Körper ein bestimmter Punkt im Ohr zuständig, über den man es beeinflussen kann. Gewissermaßen steckt also ein unsichtbares Abbild des gesamten Körpers in der Ohrmuschel, so die Theorie.

Bei der Behandlung stimuliert man sogenannte Reaktionspunkte. Das bedeutet, dass die Punkte im Ohr nur aktiv und auffindbar sind, wenn es in dem zugehörigen Organ eine Störung gibt. Dann beginnen die Punkte zu schmerzen. Auf diese Weise lässt sich eine Funktionsstörung im Körper aufspüren. Anschließend werden die schmerzhaften Ohr-Akupunkturpunkte mit Nadeln stimuliert.

Wie wird die Ohrakupunktur durchgeführt?

Für die Behandlung liegt der Patient entspannt auf einer Liege. Um einen aktiven Punkt zu finden, nutzt der Ohrakupunkteur die erhöhte Schmerzempfindlichkeit in diesen Punkten und den reduzierten Hautwiderstand. Aber auch auffällige Rötungen, Schwellungen, Schuppungen und andere Hautveränderungen können am Ohr Akupunkturpunkte anzeigen.

Wie findet man den richtigen Punkt?

Um den Punkt eindeutig zu bestimmen, werden vor der Ohrakupunktur alle Punkte abgetastet, die in Frage kommen. Dazu orientiert der Akupunkteur sich an Punkteverzeichnissen oder Übersichtskarten, die eine Miniaturabbildung des Körpers auf der Ohrmuschel darstellen. Oft handelt es sich dabei auch um größere Areale, in denen man nach schmerzhaften Punkten sucht.

Der Behandler nutzt dazu unterschiedliche Tastinstrumente oder auch die Akupunkturnadeln selbst. Die Messung des Hautwiderstandes mit Hilfe elektrischer Punktesuchgeräte, ist eine weitere Möglichkeit. Diese Methode der Punktesuche ist zwar schmerzlos, wird aber wegen der höheren Fehlerquote seltener eingesetzt.

Nadeln, Pressen, Lasern

Hat der Akupunkteur einen vielversprechenden Punkt gefunden, wird er diesen üblicherweise mit einer Einmal-Akupunkturnadel stechen. Oder er führt an diesen Punkten Mikroaderlässe durch. Dazu piekt er den Punkt kurz an, entfernt die Nadel aber sofort wieder. Weitere Methoden der Punkte-Stimulation sind die Akupressur mit Hilfe des Punkte-Suchinstrumentes, die Softlaserbehandlung der Punkte oder die Behandlung der Punkte mithilfe einer punktförmigen, elektrischen Stimulation.

Die Laser- und die Elektro-Ohrakupunktur sind schmerzfreie Alternativen zu den Stich- oder Druckbehandlungen der Ohrakupunktur und besonders für Kinder und sehr schmerzempfindliche Menschen geeignet. Auch bei Menschen mit Angst vor Nadeln, kann so die Ohrakupunktur durchgeführt werden.

Dauernadeln

Neben der Behandlung mit Einmalnadeln, werden bei der Ohrakupunktur auch Dauernadeln gesetzt. Einmalnadeln werden wenige Millimeter tief in den Punkt eingestochen. Dauernadeln sind kurze Nadeln, teilweise mit Widerhaken) oder kleine Metallkügelchen, die mit einem Pflaster auf dem Ohrakupunktur-Punkt befestigt werden.

Dort verbleiben sie über längere Zeit - meist so lange, bis sie von alleine abfallen. Sie werden besonders zur Unterstützung eines Nikotinentzuges, bei psychischen Beschwerden und unterstützend bei einer Gewichtsreduktions-Diät eingesetzt. Parallel können Behandlungen mit einer anderen Methode der Ohrakupunktur durchgeführt werden.

Behandlungszyklus

Ein Behandlungszyklus der Ohrakupunktur besteht im Allgemeinen aus zehn oder zwölf Sitzungen, jeweils ein bis vier Behandlungen wöchentlich. Die eingestochenen Einmal-Nadeln verbleiben dabei jeweils 20 bis 30 Minuten in der Haut, üblich sind sechs bis sieben Nadeln pro Sitzung. An die Wirkzeit der Nadeln sollte sich eine ebenso lange Ruhezeit, ebenfalls im Liegen, anschließen.

Der spürbare Behandlungserfolg der Ohrakupunktur zeigt sich oft schon während der Sitzung. Spätestens nach vier bis fünf Ohrakupunktur-Sitzungen sollte sich aber auf alle Fälle eine spürbare Besserung der Beschwerden eingestellt haben. Nach dem Ende eines Behandlungszyklus sollte eine mehrwöchige oder mehrmonatige Pause zum nächsten Ohrakupunktur-Zyklus eingehalten werden.

Wie wirkt die Ohrakupunktur?

Wie die Ohrakupunktur wirkt, kann bisher nicht abschließend erklärt werden. Es gibt aber einige Hypothesen. Ähnlich wie bei der Körperakupunktur vermutet man eine Ausschüttung von Botenstoffen durch die Behandlung der Ohr-Akupunkturpunkte.

Es werden aber auch direkte Verbindungen der Punkte zu Strukturen des zentralen Nervensystems, insbesondere über den Trigeminusnerv, den Vagusnerv und das obere Halsgeflecht angenommen. Diese drei großen Nerven versorgen das äußere Ohr und haben ihre Kerne im Hirnstamm.

Von dort aus, haben diese Kerne wiederum Verbindungen zur entscheidenden Schaltstelle zwischen Körper und Gehirn, der sogenannten Formatio reticularis. Auch Reflexbögen, die aus der frühen Embryonalzeit stammen, werden für die Ohrakupunktur-Wirkung zur Erklärung herangezogen.

Weil die Ohren in unmittelbarer Nähe des Gehirns sitzen, werden Signale sehr schnell hin- oder hergeleitet. Störungen sind auf diesem kurzen Weg sehr unwahrscheinlich. Das ist möglicherweise eine Erklärung dafür, dass die Ohrakupunktur-Wirkung stärker ist als bei anderen Reflexzonentherapien wie Hand- oder Fußreflexzonenmassage.

Was kann man mit Ohrakupunktur behandeln?

In der folgenden Liste finden Sie eine Zusammenstellung typischer Behandlungsindikationen der Ohrakupunktur:

Akute und chronische Schmerzen des Bewegungssystems:

-Schulter-Arm-Syndrom

-Tennisellenbogen

-Schmerzen der Achillesferse

-Knie- und Hüftarthrose

Ohrakupunktur eignet sich in manchen Fällen als einzige Behandlungsmethode, meist aber als Begleittherapie von schulmedizinischen oder alternativen Behandlungen. Ein Versuch mit Ohrakupunktur ist eine schmerzarme und komplikationsarme Möglichkeit, unterschiedlichste Beschwerden zu behandeln.

Gibt es Komplikationen und Nebenwirkungen der Ohrakupunktur?

Die Schmerzen beim Suchen der aktiven Punkte werden mitunter als unangenehm bezeichnet. Die Einstichschmerzen der Nadeln sind jedoch sehr gering und auch die Schmerzen durch die liegenden Nadeln sind nicht von Bedeutung. Im Allgemeinen spürt man gar nichts oder nur ein leichtes Brennen oder Pochen.

Bei der Akupressur allerdings werden am Ohr Akupunkturpunkte, die aktiv sind, 10 bis 60 Sekunden gedrückt oder leicht massiert. Dies kann als sehr unangenehm empfunden werden.

Bei empfindlichen Patienten können durch die Nadelung bei der Ohrakupunktur Kreislaufbeschwerden auftreten. Deshalb wird die Ohrakupunktur nur im Liegen durchgeführt.

Infektionsrisiko

Durch unsaubere oder unsachgemäße Durchführung der Ohrakupunktur besteht das Risiko einer Infektion, die sich bis zum Ohrknorpel ausbreiten kann. Deshalb werden die Ohrakupunkturbehandlungen nur mit Einmalnadeln und nach gründlicher Hautdesinfektion durchgeführt. Bei liegenden Ohrakupunktur-Dauernadeln muss auf besondere Hygiene geachtet werden und die Stichstelle sollte regelmäßig kontrolliert werden.

Erstverschlimmerung

Selten tritt eine sogenannte Erstverschlimmerung der Beschwerden durch die Ohrakupunktur auf. Sie klingen nach sehr kurzer Zeit wieder ab. Die Erstverschlimmerungen deuten bei der Ohrakupunktur, ähnlich wie bei der Homöopathie, darauf hin, dass man den richtigen, therapeutischen Ansatz gefunden hat. Der gewählte Reiz durch die Ohrakupunktur ist aber in diesem Fall zu stark gewesen.

Geschichte der Ohrakupunktur

In der Traditionellen Chinesischen Medizin sind einzelne Ohrpunkte bekannt. Auch die antike ägyptische und persische Medizin nutze die Ohrmuschel, um Krankheiten zu therapieren. Die Ohrakupunktur, so wie wir Sie heutzutage kennen, geht aber auf den französischen Arzt Dr. Paul Nogier zurück.

Dieser entdeckte um 1950 das sogenannte Somatotrop der Ohrmuschel. Der Begriff Somatotrop kommt aus der Neuroanatomie und bezeichnet eine Körperregion, auf der der gesamte Organismus in Miniaturformat abgebildet ist. Dabei sind nicht alle Bereiche des Körpers im gleichen Größenverhältnis wie der reale Körper präsent, manche sind über- andere unterrepräsentiert. Am bekanntesten ist der sogenannte Homunkulus auf der Großhirnrinde.

Außer diesen Organ-Korrespondenzpunkten legte Nogier noch weitere Punkte fest, denen eine spezielle Wirkung zugeschrieben wird. Es handelt sich hierbei um schmerzstillende, entzündungshemmende und ausgleichende Punkte, deren Wirkung durch den erzielten Effekt bei der Behandlung erkannt wurden.

Nogiers Theorie der Ohrakupunktur verbreitete sich sehr schnell in ganz Europa, gelangte aber auch nach China, wo sie in das System der Traditionellen Chinesischen Medizin integriert wurde. Heutzutage wird die Ohrakupunktur weltweit erfolgreich eingesetzt.

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