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Entzauberte Psychopillen - Teil 2

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Erschlichene Rezepte

Methylphenidat unterliegt beispielsweise dem Betäubungsmittel-Gesetz. Man kann es nicht einfach so kaufen, auch nicht gegen ein normales Rezept vom Arzt. Nur ausgewählte Mediziner bekommen von der Bundesopiumstelle abgezählte und nummerierte Betäubungsmittel-Rezepte, und nur sie dürfen Ritalin und Co verschreiben. Strenger kann die Abgabe eines Medikaments nicht reglementiert sein. Trotzdem sind massenhaft ADHS-Pillen im Umlauf. Abgezweigt vom kleinen Bruder, bei dubiosen Internethändlern erstanden - und auch ganz legal auf Rezept. „Es ist doch heutzutage kein Problem, die Symptome von ADHS zu googlen“, weiß Franke, „Irgendein Arzt verschreibt ihnen dann schon was.“

Auch Sarahs Mitbewohnerin hat ihrem Hausarzt mit vorgespielten Symptomen ein Rezept entlockt. Von Risiken und Nebenwirkungen wollte sie dabei nichts wissen. Dabei sind diese kaum kalkulierbar, insbesondere bei längerfristiger Einnahme. Methylphenidat kann beispielweise Wachstum und Entwicklung stören, Herzrhythmusstörungen, Blutdruckkrisen, Kopfschmerzen, Depressionen oder Psychosen mit Wahnvorstellungen auslösen. Und das sind nur wenige Punkte einer langen Liste möglicher Komplikationen.

Kein Massenphänomen

Anders als in den USA ist Hirndoping hierzulande kein Massenphänomen. Zwar geisterte im Jahr 2009 ein Hirndoping-Hype durch die deutschen Medien – die Deutsche Angestellten Krankenkasse (DAK) berichtete von 17 Prozent der Erwerbstätigen, die schon einmal Medikamente zur Verbesserung der geistigen Leistungsfähigkeit oder der psychischen Befindlichkeit eingenommen hätten. Doch diese Umfrage hatte methodische Mängel. Sie unterschied nicht zwischen verschreibungspflichtigen und frei verkäuflichen Substanzen wie Ginkgo biloba. Auch spiegelte die Stichprobe nur einen kleinen Ausschnitt der Bevölkerung wider.

Repräsentativere Untersuchungen kommen auf weit geringere Hirndoping-Quoten. Laut einer Studie des HIS-Instituts für Hochschulforschung (HIS) im Auftrag des Bundesgesundheitsministeriums schlucken rund fünf Prozent der Studierenden verschreibungspflichtige Medikamente für mehr Leistungen und weniger Nervosität. Eine Analyse des Robert Koch-Instituts kam auf 1,5 Prozent der Männer und Frauen. Das Mainzer Team um Andreas Franke ermittelte unter rund 1500 Schülern und Studenten sogar nur 1,2 Prozent aktive Hirndoper.

Traum der Pharmamanager

Doch wie die Mainzer Studie zeigt, könnte sich das schnell ändern. Denn die jungen Männer und Frauen sind besorgniserregend offen für einen Leistungskick aus dem pharmazeutischen Labor: Gäbe es eine kleine Pille ohne Nebenwirkungen, die nicht abhängig macht und keine Langzeitschäden verursacht, würden rund 80 Prozent gerne zugreifen. Ein riesiger potenzieller Absatzmarkt für die Medikamentenindustrie? Noch ist keine sichere und wirksame Substanz in Sicht. Bis der Traum der Pharmamanager Wirklichkeit wird, bleibt Bea und Sebastian nur der Gang zum Kaffeeautomat.

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Autor:
Dr. med. Nina Buschek
Quellen:
  • Lieb, K.: Hirndoping. Warum wir nicht alles schlucken sollten. Artemis & Winkler 2010
  • Franke A.G. und Lieb K.: Pharmakologisches Neuroenhancement und „Hirndoping“ Chancen und Risiken. Bundesgesundheitsblatt - Gesundheitsforschung - Gesundheitsschutz 2010; 53(8): 853-60
  • Robert Koch-Institut: KOLOBRI. Studie zum Konsum leistungsbeeinflussender Mittel in Alltag und Freizeit. 2011
  • Middendorff E. et al.: Formen der Stresskompensation und Leistungssteigerung bei Studierenden. HIS: Forum Hochschule01|2012
  • Franke A.G. et al.: Non-medical use of prescription stimulants and illicit use of stimulants for cognitive enhancement in pupils and students in Germany. Pharmacopsychiatry 201; 44(2): 60-6
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