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Alkoholkinder: Vergiftet im Babybauch

Kevin BraunKevin BraunKevin Braun

Frauen, die in der Schwangerschaft trinken, können ihren Kindern großen Schaden zufügen – geistig und körperlich. Kindern wie Kevin. Er leidet unter dem Fetalen Alkoholsyndrom.

Kevin Braun, 19 Jahre alt und ein Bär von einem jungen Mann, trägt stolz sein brandneues schwarz-gelbes Arbeits-Outfit. Vor wenigen Tagen hat er seine Ausbildung zum Paketzusteller bei der DHL begonnen. Für ihn ist das ein großer Sieg.

Kevin leidet unter dem Fetalen Alkoholsyndrom (FAS). Weil seine Mutter während der Schwangerschaft trank. Vor allem Kevins geistige Entwicklung hat unter deren Alkoholkonsum gelitten: „Ich kann mich nur schlecht konzentrieren und es fällt mir schwerer, Neues zu lernen“, erzählt er im Gespräch mit e-happiness.

Vier Monate ist Kevin alt, als er in seine Pflegefamilie kommt. Eigentlich war das nur vorübergehend geplant – bis seine Mutter ihren Entzug geschafft hat. Doch sie kommt nicht los von der Flasche. „Also ist er bei uns geblieben“, erzählt Veronika von Bargen, seine Pflegemutter. „Das wird schon“, habe sie sich damals gesagt - und kräftig ins Zeug gelegt: Kevin erhält Reitunterricht und Frühförderung in Musik: Der Schlagzeuger nimmt ihn unter seine Fittiche.

Von Bargens Einsatz zahlt sich aus. Auf der Waldorfschule schafft Kevin den Hauptschulabschluss – für Kinder mit FAS eine erstaunliche Karriere. „Er hätte auch Bundeskanzler werden können“, sagt die Pflegemutter.

Schon ein Glas Wein kann viel zerstören

Trinken in der Schwangerschaft – das ist wie russisches Roulette. Nicht Häufigkeit und Menge des Alkoholkonsums allein sind entscheidend, auch wenig Alkohol kann viel zerstören. „Es gibt Frauen, die nur in einer einzigen Krisensituation ein paar Gläser Wein getrunken haben, und deren Kindern massiv geschädigt sind“, berichtet der Psychologe Dr. Reinhold Feldman von der Universität Münster, der eine FAS-Tagesklinik im Münsterland leitet.

Eine Untergrenze, ab welcher Alkohol in der Schwangerschaft garantiert unschädlich für den Embryo ist, könne man nicht benennen. Umgekehrt brächten manche Frauen, die eine Flasche Wodka täglich trinken, fast gesunde Kinder zur Welt.

Durchmarsch bis ins Erbgut

Wie sich Alkohol auf das Ungeborene auswirkt, hängt vor allem von der genetischen Ausstattung der Kinder ab. „Er muss die Kernmembran durchdringen, um in den Zellkern zu gelangen“, erklärt Feldmann. Bei rund 60 Prozent der Kinder könne er das nicht, aber bei 40 Prozent überwindet der Alkohol die natürliche Barriere, die das empfindliche Erbgut schützen soll. Der Schaden, den er dort anrichtet, ist zwar nicht immer gleich groß. Aber er kann verheerend sein.

Alkohol hemmt die Teilung von Zellen, zerstört vorhandene, unterbindet ihre Vernetzung. Die Folgen betreffen jedes Organ. Und besonders das Gehirn des Fötus. Denn die Winzlinge im Mutterleib haben noch keine Möglichkeiten, mit dem Alkohol fertig zu werden. Wenn der Rausch der Mutter längst verflogen ist, wirkt das Gift im Körper des Ungeborenen noch lange weiter.

Alkohol prägt das Gesicht

Vielen Kindern ist der Alkoholkonsum ihrer Mütter buchstäblich ins Gesicht geschrieben: Trinken diese nämlich zwischen dem dritten und vierten Schwangerschaftsmonat, wenn sich die Gesichtszüge ausbilden, bleiben die Augen klein, die Oberlippe schmal und die Rinne zwischen Nase und Mund fehlt. Die Ohren liegen tiefer und eng am Kopf an.

Normale Brillen passen dann nicht. „Wenn Sie so ein Kind haben, brauchen Sie einen geschickten Optiker“, sagt Gisela Michalowski, Vorsitzende von FASD Deutschland e.V., der bedeutendsten Vereinigung für betroffene Kinder, Mütter und Pflegefamilien. FASD steht für „Fetal Alcohol Spectrum Disorder“, ein Begriff, der alle Formen vorgeburtlicher Alkoholschädigungen umfasst.

Viel gravierender als ADHS

Sieht man den Kindern den Schaden aber nicht direkt an, dann vergehen oft Jahre bis zur Diagnose: „Bei unserem ersten Pflegekind haben wir uns ständig gefragt, was wir falsch machen. Warum der Junge nicht so in der Spur läuft wie unsere eigenen Kinder“, erzählt Michalowski. Dass dessen Mutter getrunken hatte, war ihr, wie so vielen Pflegeeltern, nicht bekannt. Sie sagt: „Auch als Pflegemutter hat man ja Vorstellungen und Träume, was aus dem Kind werden könnte. Von denen muss man sich dann verabschieden.“

Typische Folgen eines Fetalen Alkoholsyndroms sind Konzentrationsschwächen und Zappeligkeit, wie man sie auch von ADHS-Kindern kennt. Diese Fehldiagnose ist bei FAS daher häufig. „Aber wer mit alkoholgeschädigten Kindern zu tun hat, der weiß: Das ist noch nicht alles“, sagt FAS-Experte Feldmann. Anders als ADHS-Kinder seien FAS-Kinder naiv, extrem zutraulich, verführbar und distanzlos.

Freunde zu finden ist für FAS-Kinder schwer. Mit ihrer Distanzlosigkeit und unverschuldeter Unzuverlässigkeit vergraulen sie andere Kinder und irritieren Erwachsene.

Jeden Tag neu Zähneputzen lernen

Neben den Verhaltensauffälligkeiten ist mangelnde Lernfähigkeit das größte Problem. Das betrifft auch ganz Alltägliches: „Manche Kinder müssen jeden Tag von neuem lernen, sich die Zähne zu putzen. Oder sie machen immer wieder denselben Unfug“, weiß Feldmann. Manche verbrennen sich immer wieder am Herd, weil sie aus den schmerzlichen Konsequenzen ihrer Handlungen nicht für die Zukunft lernen können.

Glück mit der Ersatzfamilie

Kevin hat Glück im Unglück – seine geistige Beschädigung ist weniger gravierend als bei vielen anderen FAS-Kindern. Und er landet nicht, wie so viele seiner Schicksalsgenossen, in einem Pflegeheim, sondern in einer Pflegefamilie, die ihn liebevoll und mit viel Geduld unterstützt. Er schafft sogar seinen Führerschein. Zwar mit sehr viel Üben und nur um Haaresbreite, aber jetzt ist er zu Recht stolz auf sich.

Seine leibliche Mutter hat er nur zweimal getroffen. „Wenn wir sie eingeladen haben, hat sie fast immer gesagt, sie hätte einen Arzttermin. Aber wir haben ihr nicht geglaubt.“ Die Bitterkeit über diese Zurückweisung schwingt noch immer in Kevins Stimme mit. Inzwischen ist seine Mutter tot, gestorben an den Folgen ihrer Sucht.

Lebenslanges Handicap

Vielleicht haben schlechtes Gewissen und Scham sie davon abgehalten, ihren Sohn zu besuchen. „FAS ist immer eine Diagnose, die zwei Menschen trifft“, sagt Experte Feldmann.

Gutmachen kann man nichts mehr. FAS ist ein lebensbegleitendes Schicksal. Schwer Betroffene brauchen ihr Leben lang Unterstützung. Sie können nicht mit Geld umgehen, verzweifeln am Kauf einer Fahrkarte, scheitern daran, ihren Alltag zu organisieren.

"Manche glauben, nur weil ich jetzt erwachsen bin, müssten auch die Probleme weniger werden. Aber das stimmt nicht", sagt sogar Kevin, der ja vieles auf die Reihe kriegt. Manchmal sei er noch ganz schön sauer auf seine Mutter, gibt er zu. Aber dann sei er auch wieder froh, denn sonst wäre er ja nicht in seine Pflegefamilie gekommen.

Vor allem gut gestellte Frauen trinken

Wer aber glaubt, das Fetale Alkoholsyndrom sei vor allem ein Problem sozial schwacher Schichten, der irrt. Im Gegenteil: „Reiche haben die meisten kranken Kinder. Je wohlhabender eine Familie ist, desto mehr Alkohol wird getrunken – auch von den Frauen“, weiß Feldmann. Das teure Glas Wein sei Teil ihres Lebensstiles. Doch der verberge sich hinter hohen Hecken. „Wenn arme Menschen trinken, kann das jeder sehen.“ Darum sei die gesellschaftliche Wahrnehmung verzerrt.

Wie viele Frauen auch in der Schwangerschaft Alkohol konsumieren, hat kürzlich eine internationale Studie offenbart: Weltweit trinkt demnach jede zehnte Frau Alkohol, während in ihr ein Kind heranwächst. In Deutschland ist es sogar jede vierte. 2000 Kinder mit dem Vollbild des Fetalen Alkoholsyndroms kommen daher hierzulande jedes Jahr zu Welt. Und noch mal 4000, die ebenfalls unter alkoholbedingten Schäden leiden. Das sind 6000 vermeidbare Behinderungen zu viel.

“Trump und Putin abschaffen“

Kevin will in seinem Leben noch einiges erreichen: „Auch Menschen mit Einschränkungen können viel schaffen – manchmal mehr als Menschen, die gesund sind“, ist er überzeugt. Welche Ziele das sind? „Erstmal die Ausbildung abschließen. Ansonsten bin ich jemand, der sich gern überraschen lässt von dem was kommt. Und der dann das Beste draus macht.“

Was er denn getan hätte, wenn er tatsächlich Bundeskanzler geworden wäre? „Als allererstes Trump, Putin und Erdogan abschaffen!“, sagt er mit Nachdruck. Und, ach ja: Die Rechte von Behinderten, die hätte er auch gestärkt.

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Autor:
Christiane Fux
Quellen:
  • Estimation of national, regional, and global prevalence of alcohol use during pregnancy and fetal alcohol syndrome: a systematic review and meta-analysis, Svetlana Popova, Volume 5, No. 3, The Lancet Global Health, e290–e299, March 2017
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