Polyneuropathie

Dr. med. Julia Schwarz

Dr. med. Julia Schwarz ist freie Autorin in der e-happiness-Medizinredaktion.

Martina Feichter

Martina Feichter hat in Innsbruck Biologie mit Wahlfach Pharmazie studiert und sich dabei auch in die Welt der Heilpflanzen vertieft. Von dort war es nicht weit zu anderen medizinischen Themen, die sie bis heute fesseln. Sie ließ sich an der Axel Springer Akademie in Hamburg zur Journalistin ausbilden und arbeitet seit 2007 für e-happiness.

Dieser Text entspricht den Vorgaben der ärztlichen Fachliteratur, medizinischen Leitlinien sowie aktuellen Studien und wurde von Medizinern geprüft.

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Bei einer Polyneuropathie sind periphere Nerven geschädigt. Das können zum Beispiel Nerven in den Armen und Beinen sein oder solche, die innere Organe versorgen. Zu den häufigsten Ursachen dieser Nervenschädigung gehören Diabetes mellitus und Alkoholmissbrauch. Lesen Sie hier mehr über Symptome, Ursachen, Diagnose und Behandlung der Polyneuropathie.

polyneuropathie

Polyneuropathie: Kurzübersicht

  • Was ist Polyneuropathie? Eine Gruppe von Erkrankungen, bei denen mehrere oder viele periphere Nerven geschädigt sind. Das sind die Nerven außerhalb des zentralen Nervensystems (Gehirn und Rückenmark). Die Polyneuropathie wird auch "Periphere Polyneuropathie" oder "Periphere Neuropathie" (PNP) genannt.
  • Symptome: abhängig davon, welche Nerven geschädigt sind. Häufig kommt es etwa zu Missempfindungen, Kribbeln, Schmerzen und Taubheitsgefühlen in Beinen und/oder Armen, Muskelschwäche, Muskelkrämpfen und Lähmungen, Störungen der Blasenentleerung, Verstopfung oder Durchfall, Impotenz etc.
  • Untersuchungen: körperliche Untersuchung, Elektroneurografie (ENG), Elektromyografie (EMG), Blutuntersuchungen etc.
  • Ursachen: vor allem Zuckerkrankheit (Diabetes mellitus) und Alkoholmissbrauch. Weitere Ursachen sind andere erworbene Erkrankungen oder Vergiftungen. Seltener ist eine Polyneuropathie genetisch bedingt. Manchmal lässt sich auch gar keine Ursache finden.
  • Therapie: Wenn möglich, wird die Ursache beseitigt oder behandelt. Zudem lassen sich die Symptome gezielt behandeln (Schmerzmittel, TENS, Antidepressiva, krampflösende Mittel, Krankengymnastik, Wechselbäder, Wickel, orthopädische Hilfsmittel etc.)

Polyneuropathie: Symptome

Bei einer Polyneuropathie sind periphere Nerven geschädigt. Das können zum Beispiel Nerven sein, die Muskelkontraktionen befehlen (motorische Nerven) oder die Verdauung oder Atmung kontrollieren (autonome Nerven). Oft sind auch Nerven betroffen, die für das sensible Empfinden von Berührungen, Temperatur, Druck und Vibration verantwortlich sind (sensible Nerven).

Welche Polyneuropathie-Symptome bei einem Patienten auftreten, hängt also von den geschädigten Nerven ab. Demnach unterscheidet man motorische, autonome und sensible Störungen.

Man kann Polyneuropathie-Symptome auch nach ihrer Verteilung am Körper einteilen:

  • Meist betreffen die Polyneuropathie-Symptome beide Füße oder beide Arme. Das nennt man symmetrische Polyneuropathie. Tritt die Nervenschädigung dagegen nur in einer Körperseite auf, liegt eine asymmetrische Polyneuropathie vor.
  • Betrifft die Nervenschädigung hauptsächlich Körperregionen, die vom Rumpf entfernt liegen (wie Füße, Hände), handelt es sich um eine distale Polyneuropathie). Sehr viel seltener erstreckt sich die Erkrankung auf rumpfnahe Körperteile (proximale Polyneuropathie).

Polyneuropathie-Symptome: Sensible Nerven

Nerven, die von der Haut zum Gehirn führen, werden "sensibel" genannt. Sie informieren das Gehirn zum Beispiel über Berührungen, Druck, Temperatur- oder Schmerzreiz oder Vibrationen. Wenn diese Sensibilität durch eine Polyneuropathie gestört wird, leidet deshalb die Wahrnehmung etwa in Armen und Beinen. Die Zehen sind häufig als erstes betroffen. Es kommt etwa zu Missempfindungen, Kribbeln oder stechenden, brennenden Schmerzen.

Taubheitsgefühle sind ebenfalls mögliche Polyneuropathie-Symptome. Treten diese in den Beinen auf, haben Betroffene zum Beispiel Koordinationsprobleme beim Gehen.

Ist das Temperaturempfinden gestört, kann es leichter zu Verletzungen kommen. Polyneuropathie-Patienten merken dann zum Beispiel nicht, dass ihr Fußbad viel zu heiß ist. Menschen mit ausgeprägter Polyneuropathie können auch Schmerzen nur vermindert wahrnehmen. Das erhöht ebenfalls das Verletzungsrisiko.

Hinweis: Die meisten Polyneuropathien gehen mit sensiblen Störungen einher.

Polyneuropathie-Symptome: Motorische Nerven

Motorische Nerven leiten Befehle vom Gehirn zu den Skelettmuskeln. Die Befehle veranlassen einen Muskel, sich zusammenzuziehen (zu kontrahieren). Bei einer motorischen Polyneuropathie sind diese Nerven geschädigt. Das hat zur Folge, dass die betreffenden Muskeln an Kraft verlieren. Im schlimmsten Fall treten Muskellähmungen auf. Auch Muskelkrämpfe sind möglich.

Generell gilt: Wenn Gewebe von den versorgenden Nerven längere Zeit unzureichend oder gar nicht mehr aktiviert wird, degeneriert es: Es schrumpft und schwindet. Bei den Skelettmuskeln passiert das besonders schnell. So kann eine motorische Polyneuropathie in schweren Fällen zu Muskelschwund (Muskelatrophie) führen.

Polyneuropathie-Symptome: Autonome Nerven

Die autonomen (vegetativen) Nerven steuern die Funktion von inneren Organen wie Herz, Lunge, Magen, Darm, Geschlechtsorgane und Blase. Sie sind nicht dem Willen unterworfen. Man kann also zum Beispiel dem Herzmuskel nicht bewusst befehlen, sich zu kontrahieren.

Sind autonome Nerven geschädigt, kann es zu ernsten oder sogar lebensbedrohlichen Symptomen kommen. Wenn bei einer Polyneuropathie zum Beispiel Darmnerven geschädigt sind, können Durchfall oder Verstopfung auftreten. Sind Nerven in Mitleidenschaft gezogen, welche die Blasenfunktion regulieren, ist das Wasserlassen, also die Blasenentleerung gestört. Eine Nervenschädigung in der Lunge kann Atemstillstand auslösen. Betrifft die autonome Polyneuropathie Nerven am Herzmuskel, können gefährliche Herzrhythmusstörungen resultieren.

Polyneuropathie-Symptome im Überblick

In der folgenden Tabelle finden Sie wichtige Polyneuropathie-Symptome auf einen Blick:

Sensible Symptome

Motorische Symptome

Autonome Symptome

Kribbeln, Ameisenlaufen

Muskelzucken

Pupillenstörungen

Stechen

Muskelkrämpfe

Wassereinlagerungen (Ödeme)

Pelzigkeits- und Taubheitsgefühl

Muskelschwäche

Geschwüre

Gefühl des Eingeschnürtseins

Muskelschwund

vermindertes Schwitzen

Schwellungsgefühle

Herzrasen in Ruhe

Gefühl des unangenehmen Drucks

Magenlähmung (Gastroparese)

Gefühl, wie auf Watte zu gehen

Durchfall, Verstopfung

Gangunsicherheit (v.a. im Dunkeln)

gestörte Blasenentleerung

fehlendes Temperaturempfinden

Impotenz (Erektile Dysfunktion)

schmerzlose Wunden

Schwindel/Ohnmacht beim Aufstehen

Diabetische Polyneuropathie: Symptome

Bei einer Polyneuropathie infolge der Zuckerkrankheit (Diabetes mellitus) entwickeln sich die Symptome schleichend. Als erstes werden meist die sensiblen Nervenfasern geschädigt. Die Betroffenen bemerken dann zum Beispiel ein Taubheitsgefühl oder Kribbeln in den Beinen. Viele spüren auch einen brennenden Schmerz in den Füßen ("Burning-Feet-Syndrom").

Diese Polyneuropathie-Symptome machen sich besonders in Ruhe oder nachtsbemerkbar. Manche Patienten sagen, dass sie sogar das Gewicht und die Berührung der Bettdecke kaum ertragen.

Oft werden durch die Diabetische Polyneuropathie Schmerzen nur vermindert wahrgenommen. Dann bleiben kleine Verletzungen oft unbemerkt. Weil bei Diabetes oft auch die Durchblutung gestört ist, können so schlecht heilende Wunden entstehen. Das passiert meist an den Füßen (diabetisches Fußsyndrom). Das betroffene Gewebe kann sogar absterben (Nekrose). Die meisten Diabetiker sind an beiden Füßen oder Beinen von der Polyneuropathie betroffen.

Im weiteren Verlauf kann die Polyneuropathie zudem auf autonome Nerven übergreifen. Mögliche Folgen sind zum Beispiel Schluckstörungen, Erbrechen und abwechselnd Durchfall und Verstopfung. Auch Harninkontinenz und Potenzstörungen (Männer) können sich als Symptome der Polyneuropathie entpuppen.

Alkoholische Polyneuropathie: Symptome

Ebenfalls weit verbreitet ist die alkoholische Polyneuropathie. Sie schreitet in der Regel langsam voran. Die meisten Betroffenen haben Nervenstörungen an den Beinen, und zwar an beiden (symmetrische Polyneuropathie): Es treten etwa Schmerzen, Missempfindungen, Sensibilitätsstörungen, Muskelschwund und schwere Muskelerschlaffungen (Paresen) auf. Die Betroffenen können dann zum Beispiel nicht mehr richtig stehen.

In schweren Fällen entwickeln sich auch Polyneuropathie-Symptome im Augenbereich, beispielsweise Pupillenstörungen und Lähmungen der Augenmuskeln

Hinweis: In einigen Fällen verläuft eine alkoholische Polyneuropathie auch ohne Symptome.

Polyneuropathie: Ursachen und Risikofaktoren

Mediziner kennen mittlerweile mehr als 200 verschiedene Polyneuropathie-Ursachen. Am häufigsten wird die Nervenschädigung durch die Zuckerkrankheit (Diabetische Polyneuropathie) oder durch Alkohol (Alkoholische Polyneuropathie) ausgelöst.

Polyneuropathie bei Diabetes

Die Diabetische Polyneuropathie ist die häufigste Form von Polyneuropathie. Sie kann sowohl bei Typ-1- als auch Typ-2-Diabetes auftreten.

Schätzungsweise jeder zweite Diabetiker entwickelt im Laufe seines Lebens eine Polyneuropathie. Entscheidend dabei ist, ob und wie gut der Diabetes behandelt wird: Diabetiker, deren Blutzuckerwerte schlecht eingestellt sind, erkranken nämlich besonders früh und besonders schwer an einer Polyneuropathie.

Durch welche Mechanismen ein dauerhaft erhöhter Blutzucker die Nerven schädigt, ist noch nicht im Detail geklärt.

  • Zum einen kann der viele Blutzucker direkt die Nerven schädigen: Experten vermuten, dass die Zuckermoleküle mit verschiedenen Eiweißen (Proteinen) reaktive Verbindungen bilden. Diese greifen die Nervenzellen an und schädigen sie mit der Zeit unwiederruflich.
  • Zum anderen schädigt der viele Blutzucker die winzigen Blutgefäße im Körper (Mikroangiopathie). Das kann dazu führen, dass Nerven nicht mehr ausreichend mit Sauerstoff und Nährstoffen versorgt werden. Darunter leidet ihre Funktion. Mit der Zeit können die unterversorgten Nerven sogar absterben.

Meist verläuft diese Nervenschädigung bei Diabetes-Patienten schleichend. Die Polyneuropathie-Symptome stellen sich also langsam ein. Die Nervenschädigung verläuft zudem bei jedem Patienten anders. Art und Schwere der Symptome können deshalb erheblich variieren.

Polyneuropathie durch Alkohol

Am zweithäufigsten ist der Auslöser einer Polyneuropathie Alkohol, und zwar chronischer Alkoholkonsum. Auch hier gilt: Die genauen Mechanismen, die zu den Nervenschäden führen, sind noch nicht restlos geklärt. Untersuchungen deuten aber darauf hin, dass Alkohol direkt die Nerven angreifen kann. Dieser Mechanismus gilt als hauptverantwortlich für die Nervenschäden bei Alkoholikern.

Erschwerend kommt möglicherweise noch ein zweiter Faktor hinzu: Alkoholismus ist oft mit Mangelernährung verbunden. Viele Alkoholiker ernähren sich mangelhaft und einseitig. So kann unter anderem ein Mangel an Vitamin B12 entstehen. Dieses Vitamin ist aber sehr wichtig für die Funktion des Nervensystems. Ein Vitamin-B12-Mangel könnte also Nervenstörungen bei Alkoholikern zusätzlich begünstigen. Denn auch für sich allein genommen kann er eine Polyneuropathie auslösen.

Weitere Polyneuropathie-Ursachen

Zu den weiteren möglichen Ursachen einer Polyneuropathie zählen unter anderem:

  • Mangel an Vitamin B12 (etwa bei Veganern oder nach einer Magenoperation)
  • Nierenerkrankungen
  • Lebererkrankungen
  • Störungen der Schilddrüsenfunktion (Unter- und Überfunktion)
  • Gicht
  • Gifte (wie Arsen, Blei) und Medikamente (besonders Krebsmedikamente)
  • einige Infektionen mit Bakterien oder Viren (Lyme-Borreliose, Diphtherie, Pfeiffersches Drüsenfieber, Gürtelrose, Herpes-simplex-Infektionen, HIV etc.)
  • Guillain-Barré-Syndrom (eine Autoimmunerkrankung)
  • Krebserkrankungen (Polyneuropathie kann hier das erste Anzeichen sein)

Die meisten Polyneuropathien werden durch solche Erkrankungen oder Vergiftungen ausgelöst. Seltener ist eine Nervenschädigung genetisch bedingt. So gibt es verschiedene angeborene Erkrankungen, die von einer Polyneuropathie begleitet werden. Dazu zählt etwa die HMSN (hereditäre motorisch-sensible Neuropathie), von der es mehrere Unterformen gibt.

Bei etwa 20 Prozent aller Patienten bleibt die Ursache der Polyneuropathie ungeklärt.

Hinweis: Wenn Nervengifte wie Alkohol, Schwermetalle oder Medikamente die Nerven schädigen, handelt es sich um eine "toxische Polyneuropathie".

Welcher Teil der Nervenzellen wird geschädigt?

Jede Nervenzelle setzt sich zusammen aus einem Zellkörper und einem Nervenfortsatz (Axon). Das Axon kann bis zu einem Meter lang sein. Man kann sich die Nervenfortsätze wie Kabel vorstellen. Der Körper schützt seine "Nerven-Kabel“ mit einer Isolierschicht. Diese wird als Myelinschicht oder Markscheide bezeichnet. Neben seiner Schutzfunktion hat das Myelin noch eine weitere Aufgabe: Es beschleunigt die Weiterleitung der ektrischen Nervensignale.

Je nachdem, welcher Teil einer Nervenzelle geschädigt wird, unterscheidet man die demyelinisierende und die axonale Polyneuropathie:

Die demyelinisierende Polyneuropathie ist durch den Zerfall der schützenden Markschicht (Myelinschicht) gekennzeichnet. Ist dagegen das Axon selbst betroffen, handelt es sich um eine axonale Polyneuropathie. Bei Formen können auch kombiniert auftreten. Dann werden Markscheiden und Axone gleichermaßne geschädigt.

Nervenschädigung bei Polyneuropathie
Nervenschädigung Polyneuropathie
Bei Polyneuropathie können verschiedene Teile der Nervenzelle geschädigt sein: die Nervenfaser (Axon) oder die Isolierschicht um die Nervenfaser (MYelnscheide).

Polyneuropathie: Untersuchungen und Diagnose

Wenn Sie mögliche Polyneuropathie-Symptome an sich bemerken, sollten Sie umgehend einen Arzt aufsuchen. Werden die Nervenschäden frühzeitig erkannt und ihre Ursache behandelt, wirkt sich das positiv auf den Polyneuropathie-Verlauf aus.

Arzt-Patient-Gespräch

Der Arzt wird sich zuerst ausführlich mit Ihnen unterhalten, um Ihre Krankengeschichte zu erheben (Anamnese). Er lässt sich die Beschwerden genau schildern und fragt, wie lange sie schon bestehen. Außerdem erkundigt er sich nach eventuellen Vor- oder Grunderkrankungen (wie Diabetes, Nierenerkrankungen, Unterfunktion der Schilddrüse etc.). Informieren Sie den Arzt auch über alle Medikamente, die sie anwenden, und mögliche Giftstoffe, denen Sie etwa am Arbeitsplatz ausgesetzt sind.

Wichtig zur Abklärung einer Polyneuropathie sind auch Angaben zu Drogen- und Alkoholkonsum. Auf entsprechende Fragen sollten Sie Ihrem Arzt offen und ehrlich antworten. Nur so kann er die richtige Ursache für die Nervenstörungen herausfinden.

Untersuchungen und Tests

Im Anschluss an das Gespräch wird Sie der Arzt körperlich untersuchen. Dabei testet der Arzt zum Beispiel Ihre Reflexe (wie den Achillessehnenreflex). Er prüft auch, ob Ihre Pupillen richtig auf einfallendes Licht reagieren. Auch auf mögliche Fehlbildungen des Skeletss (Deformitäten) achtet der Arzt. Beispielsweise können Krallenzehen und Hohlfuß ein Hinweis sein, dass die Polyneuropathie erblich bedingt ist.

Daneben folgen weitere Untersuchungen. Manche davon werden bei jedem Patienten durchgeführt, andere nur in bestimmten Fällen:

Bei der Elektroneurografie (ENG) wird die Nervenleitgeschwindigkeit gemessen. Der Arzt setzt dafür einen kleinen elektronischen Impuls an mindestens zwei verschiedenen Stellen eines Nervs. Dann misst er die Zeit bis zur Reaktion (Kontraktion) des dazugehörigen Muskels. Bei der Polyneuropathie ist diese Nervenleitgeschwindigkeit meist herabgesetzt.

Bei der Elektromyografie (EMG) wird die elektrische Muskelaktivität geprüft. Bei motorischen Störungen wie Muskelschwäche oder Muskellähmung lässt sich so herausfinden, ob das Problem beim Muskel selbst oder aber bei den ihn versorgenden Nerven liegt. Ergibt die EMG, dass die Nervenfunktion gestört ist, spricht das für eine Polyneuropathie.

Bei der quantitativen sensorischen Untersuchung prüft der Arzt, wie ein Nerv auf bestimmte Reize wie Druck oder Temperatur reagiert. So lässt sich feststellen, ob die Empfindlichkeit des Nervs beeinträchtigt ist - wie bei einer Polyneuropathie. Auf diese Weise lässt sich eine Nervenschädigung also gut nachweisen. Die Untersuchung ist allerdings sehr zeitaufwändig. Zudem muss sich der Patient dabei gut konzentrieren und mitarbeiten. Deshalb wird die Methode nicht routinemäßig zur Abklärung einer Polyneuropathie angewendet.

Eine Elektrokardiografie (EKG) kann Auskunft darüber geben, ob die autonomen Nervenfasern des Herzens geschädigt sind.

Mittels Ultraschall-Untersuchung der Harnblase kann der Arzt feststellen, ob sich nach dem Wasserlassen noch Restharn in der Blase befindet. Wenn ja, ist wahrscheinlich die Blasenentleerung gestört. Das passiert bei einer autonomen Polyneuropathie sehr oft.

Bei einer Nervenbiopsie wird über einen kleinen Hautschnitt eine winzige Probe des Nervengewebes entnommen. Die Gewebeprobe wird anschließend unter dem Mikroskop diagnostisch begutachtet. Diese Untersuchung wird aber nur in ganz bestimmten Fällen durchgeführt. Sie kann zum Beispiel bei Diabetikern notwendig sein, bei denen nur Nerven auf einer Körperseite geschädigt sind (asymmetrische diabetische Polyneuropathie). Auch wenn der Arzt Lepra als Ursache der Nervenschädigung vermutet, kann er eine Nervenbiopsie durchführen.

Ebenfalls nur in ausgewählten Fällen wird eine Hautbiopsie durchgeführt. Dabei wird ein winziges Stück Haut ausgestanzt (etwa am Unterschenkel) und genau untersucht.

Blutuntersuchungen dienen vor allem dazu, häufige und behandelbare Ursachen der Nervenschädigung zu erkennen. Seltenere Ursachen können bei entsprechendem Verdacht ebenfalls anhand bestimmter Laborwerte aufgedeckt werden. Einige Beispiele für Labortests bei Polyneuropathie:

  • Erhöhte Entzündungswerte (wie CRP, weiße Blutkörperchen etc.) können auf eine entzündliche Ursachen der Nervenschäden hindeuten.
  • Ein oraler Glukosetoleranztest (oGTT) zeigt an, wie gut der Körper Zucker verarbeiten kann. Auffällige Testergebnisse können auf einen noch unentdeckten Diabetes (oder eine Vorstufe davon) hinweisen. Auch der Nüchternblutzucker ist hierbei sehr aussagekräftig.
  • Bei bekannter Zuckerkrankheit ist vor allem der HbA1c-Wert ("Langzeitblutzucker") wichtig: Er zeigt an, wie gut der Diabetes in den letzten Monaten eingestellt war.
  • Der Vitamin-B12-Status wird gemessen, um zu prüfen, ob eventuell ein Mangel besteht.
  • Liegen die Leber- oder Nierenwerte außerhalb der Norm, wird die Polyneuropathie möglicherweise durch eine Leber- oder Nierenerkrankung verursacht. Dabei können Leberschäden auch durch Alkoholmissbrauch verursacht sein.
  • Besteht der Verdacht, dass eine bestimmte Infektionskrankheit die Polyneuropathie verursacht, sind spezielle Blutuntersuchungen sinnvoll. Beispielsweise lässt sich eine vermutete Borreliose abklären, indem man im Blut des Patienten nach Antikörpern gegen Borrelien fahndet.

Eine genetische Untersuchung ist angezeigt, wenn es in einer Familie mehrere Fälle von Polyneuropathie gibt. Dann liegt der Verdacht nahe, dass es sich um eine erblich bedingte Nervenschädigung handelt.

Das Gleiche gilt, wenn der Patient bestimmte Fehlstellungen des Fußes (Krallenzehen, Hohlfuß) oder andere Fehlbildungen des Skeletts (wie Skoliose) aufweist. Sie sind typisch für eine erblich bedingte Polyneuropathie. Der Arzt kann dann das Erbgut des Patienten auf entsprechende Veränderungen (Mutationen) untersuchen lassen.

Polyneuropathie: Behandlung

Zu einer effektiven Polyneuropathie-Therapie gehört, die Ursache der Erkrankung - wenn möglich - zu beseitigen oder zu behandeln. Das nennt man eine kausale oder ursächliche Therapie. So sollten zum Beispiel Alkoholiker einen Entzug machen. Bei Diabetes-Patienten muss der Blutzucker straff eingestellt werden. Wurde ein Vitamin-B12-Mangel festgestellt, sollte man sich ausgewogener ernähren und den Mangel durch ein Vitaminpräparat ausgleichen. Sind Giftstoffe oder Medikamente der Auslöser der Polyneuropathie, müssen sie möglichst gemieden werden.

Viele Polyneuropathie-Symptome lassen sich zudem gezielt behandeln. Diese symptomatische Therapie kann eine ursächliche Therapie ergänzen, wenn eine solche möglich ist. Zum Einsatz kommen bespielsweise folgende Therapiemaßnahmen:

Schmerztherapie

Bei vielen Polyneuropathie-Patienten verursachen die Nervenschäden brennende Schmerzen. Diese lassen sich mit einer Schmerztherapie lindern. Oft empfiehlt der Arzt Schmerzmittel wie ASS (Acetylsalicylsäure) oder Paracetamol. Dabei wird er für jeden Patienten eine individuell passende Dosierung auswählen.

Bei sehr schweren Nervenschmerzen kann er unter Umstanden auch sogenannte Opioide verschreiben. Das sind sehr stark wirksame Schmerzmittel, die aber zwei Nachteile haben: Zum einen kann ihre Wirkung mit der Zeit nachlassen. Um die Schmerzen zu lindern, sind dann immer höhere Dosierungen nötig. Zum anderen können Opioide abhängig machen. Ihre Anwendung muss deshalb sorgfältig vom Arzt überwacht werden.

Hinweis: Bei sehr hartnäckigen Polyneuropathie-Schmerzen kann es sinnvoll sein, dass sich der Patient von einem Schmerztherapeuten behandeln lässt. Dieser ist spezialisiert auf die Therapie von chronischen Schmerzen.

Bei Nervenschmerzen können auch krampflösende Mittel (Antiepileptika) helfen, beispielsweise Gabapentin oder Pregabalin. Sie sorgen dafür, dass die Nervenzellen weniger erregbar sind. Die Nervenschmerzen lassen dadurch nach. Die Therapie mit Krampflösern wird "eingeschlichen", das heißt: Man startet mit einer niedrigen Dosis, die dann langsam bis zur gewünschten Wirkung gesteigert wird. Das beugt Nebenwirkungen vor. Zudem wird der Arzt während der Behandlung regelmäßig das Blut des Patienten untersuchen. Antiepileptika können nämlich bestimmte Blutwerte verändern.

Im Rahmen der Schmerztherapie kommen oft auch stimmungsaufhellende Mittel (Antidepressiva) wie Amitriptylin zum Einsatz. Sie hemmen die Weiterleitung von Schmerzsignalen im Rückenmark. Die Schmerzen werden dadurch zwar nicht genommen, aber erträglicher für den Patienten. Wie bei den krampflösenden Mitteln wird auch bei Antidepressiva ein "Einschleichen" der Therapie empfohlen (anfangs niedrige Dosis, dann schrittweise Dosiserhöhungg). Das senkt das Risiko für Nebenwirkungen wie Blutdruckabfall, Herzrhythmusstörungen oder Probleme beim Wasserlassen.

Manche Polyneuropathie-Patienten mit Nervenschmerzen profitieren von der sogenannten TENS (Transkutane elektrische Nervenstimulation), auch Reizstromtherapie genannt. Dabei wird auf die schmerzhafte Hautregion eine Elektrode gesetzt. Sie ist mit einem kleinen tragbaren Gerät verbunden. Bei Bedarf kann der Patient auf Knopfdruck sanfte elektrische Impulse über die Elektrode in das Hautareal abgeben. Das kann die Schmerzen dämpfen.

Wie das möglich ist, weiß man nicht genau. Es gibt aber verschiedene Theorien. Zum Beispiel vermuten manche Experten, dass die elektrischen Impulse körpereigene schmerzlindernde Botenstoffe (Endorphine) freisetzen.

Die Wirksamkeit der TENS bei Nervenschmerzen ist bislang nicht wissenschaftlich erwiesen.

Physikalische Therapie

Vor allem bei sensiblen und motorischen Störungen einer Polyneuropathie können physikalische Therapien helfen. Dazu gehören zum Beispiel Krankengymnastik, Wechselbäder, Elektrobehandlung gelähmter Muskeln sowie warme und kalte Wickel. Diese Verfahren können unter anderem die Durchblutung steigern und geschwächte Muskeln stärken. Außerdem trägt die physikalische Therapie dazu bei, dass Polyneuropathie-Patienten trotz Schmerzen und anderen einschränkenden Beschwerden mobil bleiben.

Weitere Therapiemaßnahmen

Je nach Art und Ausmaß der Beschwerden kommen noch weitere Therapiemaßnahmen in Frage. Einige Beispiele:

Bei häufigen Wadenkrämpfen können Polyneuropathie-Patienten es mit der Einnahme von Magnesium versuchen. Eventuell hilft auch der Wirkstoff Chinin.

Haben Polyneuropathie-Patienten große Probleme beim Gehen, sind orthopädische Hilfsmittel sinnvoll. Wenn zum Beispiel der sogenannte Peroneus-Nerv im Bein geschädigt ist, können Betroffenen den Fuß kaum oder gar nicht mehr anheben. Dann hilft eine spezielle Schiene oder ein spezieller Schuh/Stiefel.

Löst die Polyneuropathie Völlegefühl, Übelkeit und Erbrechen aus, sollten Patienten ihre Essgewohnheiten umstellen: Besser als wenige große Mahlzeiten sind dann wenige kleine Speisen, die über den Tag verteilt verzehrt werden. Zusätzlich lassen sich Übelkeit und Erbrechen mit rezeptpflichtigen Medikamenten (Metoclopramid oder Domperidon) lindern.

Bei Verstopfung sollten Patienten viel trinken, sich ballaststoffreich ernähren und regelmäßig bewegen. Gegen akuten Durchfall bei Polyneuropathie kann der Arzt ein Medikament (wie Loperamid) verschreiben.

Autonome Störungen bei Polyneuropathien sind zum Beispiel Kreislaufprobleme beim Aufstehen aus dem Liegen oder Sitzen (orthostatische Hypotonie): Den Betroffenen wird durch einen plötzlichen Blutdruckabfall schwindelig, oder sie fallen sogar in Ohnmacht. Zur Vorbeugung sollten Patienten immer nur langsam aufstehen. Zudem können Stützstrümpfe helfen: Sie verhindern, dass das Blut beim Aufstehen in die Beine absackt und so die Kreislaufprobleme auslöst. Ein regelmäßiges Muskeltraining ist ebenfalls sinnvoll. Bei Bedarf kann der Arzt zudem Medikamente gegen zu niedrigen Blutdruck verschreiben.

Wenn Polyneuropathien eine Blasenschwäche veursachen, sollten Patienten regelmäßig zur Toilette gehen (zum Beispiel alle drei Stunden) - auch wenn gerade kein Harndrang besteht. Dann kann sich nicht zu viel Restharn in der Blase sammeln. Das begünstigt nämlich eine Blaseninfektion.

Eine Impotenz (Erektile Dysfunktion) kann sowohl durch die Polyneuropathie selbst als auch durch Medikamente wie Antidepressiva entstehen. Im zweiten Fall sollten Patienten mit dem Arzt besprechen, ob die Mediamente eventuell abgesetzt werden können. Wenn das nicht möglich ist oder die Impotenz auch danach noch besteht, können betroffene Männer sich mit einer Vakuumpumpe behelfen. Eventuell kann der Arzt auch ein Potenzmittel (Sildenafil etc.) verschreiben.

Polyneuropathie: Verlauf und Prognose

Der Polyneuropathie-Verlauf lässt sich positiv beeinflussen, wenn man den Auslöser (falls möglich) beseitigt oder behandelt. MIt verschiedenen Therapien lassen sich zudem die Symptome lindern. Dennoch fragen sich viele Patienten: Ist Polyneuropathie heilbar?

Grundsätzlich gilt: Je früher die Nervenschädigung erkannt und behandelt wird, desto besser ist die Prognose. Leider verläuft die Polyneuropathie oft lange Zeit symptomlos oder erste leichte Beschwerden werden nicht ernst genommen. Zum Zeitpunkt der Diagnose ist die Erkrankung dann schon weiter fortgeschritten. Oft bestehen dann schon nicht-umkehrbare (irreversible) Nervenschäden durch die Polyneuropathie. Heilung ist dann nicht mehr vollständig möglich. Mit der richtigen Behandlung wird aber versucht, weitere Nervenschäden durch die Polyneuropathie zu verhindern und bestehende Symptome zu bessern.

Weiterführende Informationen:

Bücher:

  • So therapieren Sie Polyneuropathie - ganzheitlich und effektiv: Der erste lainenverständliche Ratgeber für Betroffene (Sigrid Nesterenko, Rainer Bloch, 2017)
  • Polyneuropathie: So überwinden Sie quälende Nervenschmerzen (Udo Zifko, 2017, Springer)
  • Ratgeber Polyneuropathie und Restless Legs: Leben mit tauben Füßen, schmerzenden und unruhigen Beinen (Christian Schmincke, 2017, Springer)

Leitlinien:

  • Leitlinie "" der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (Stand: 2012)

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