Bulimie

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Julia Dobmeier

Julia Dobmeier absolviert derzeit ihr Masterstudium in Klinischer Psychologie. Schon seit Beginn ihres Studiums interessiert sie sich besonders für die Behandlung und Erforschung psychischer Erkrankungen. Dabei motiviert sie insbesondere der Gedanke, Betroffenen durch leicht verständliche Wissensvermittlung eine höhere Lebensqualität zu ermöglichen.

Christiane Fux

Christiane Fux studierte in Hamburg Journalismus und Psychologie. Seit 2001 schreibt die erfahrene Medizinredakteurin Magazinartikel, Nachrichten und Sachtexte zu allen denkbaren Gesundheitsthemen. Neben ihrer Arbeit für e-happiness ist Christiane Fux auch in der Prosa unterwegs. 2012 erschien ihr erster Krimi, außerdem schreibt, entwirft und verlegt sie ihre eigenen Krimispiele.

Dieser Text entspricht den Vorgaben der ärztlichen Fachliteratur, medizinischen Leitlinien sowie aktuellen Studien und wurde von Medizinern geprüft.

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Bulimie ist eine psychische Erkrankung, die zu den Essstörungen gehört. Die Betroffenen haben immer wiederkehrende Heißhungerattacken, in denen sie unkontrolliert essen. Nach solchen „Fressanfälle“ haben sie große Angst zuzunehmen. Daher erbrechen sie sich, nehmen Abführmittel oder treiben exzessiv Sport. Lesen Sie hier was Bulimie ist, wie man sie erkennt und wie man sie behandelt.

Marian Grosser, Arzt

Bulimie ist äußerlich oft nicht zu erkennen, kann aber trotzdem schwere körperliche Schäden verursachen. Eine Psychotherapie ist der wichtigste Baustein, um wieder zu einem gesunden Essverhalten zurückzufinden.

Bulimie

Kurzübersicht

  • Beschreibung: verbreitete Essstörung mit Wechsel von streng kontrolliertem Essverhalten und Heißhungerattacken
  • Hauptsymptome: „Fressanfälle“ mit anschließendem Erbrechen, exzessivem Sport, Fasten
  • Folgen: Mangelernährung, Zahnschäden, Gastritis, entzündete Speiseröhre, Herzrhythmusstörungen, Nierenschäden, Osteoporose
  • Ursachen: schwaches Selbstwertgefühl, Streben nach Anerkennung, Anpassung an herrschendes Schönheitsideal, familiärer Einfluss auf Essverhalten und Selbstakzeptanz, genetische Ursachen, biologische Auslöser
  • Diagnose: standardisierte Fragebögen und Interviews zu den Symptomen und Ursachen
  • Therapie: kognitive Verhaltenstherapie, Wiedererlernen eines gesunden Essverhaltens, Einzel- und Gruppentherapie, Antidepressiva, meist stationäre Behandlung

Bulimie: Beschreibung

Die Bulimie (Bulimia nervosa) zählt zu den Essstörungen. Umgangssprachlich wir sie auch als Ess-Brech-Sucht bezeichnet. Typisches Bulimie-Symptome sind Heißhungerattacken, bei denen die Betroffenen unkontrolliert große Mengen an Nahrung verschlingen. Um nicht zuzunehmen, ergreifen sie anschließend drastische Gegenmaßnahmen.

Psychische Hintergründe

Menschen mit Bulimie streben eine Figur an, die dem herrschenden, überschlanken Schönheitsideal entspricht. Dadurch erhoffen sie sich Anerkennung und Zuneigung. Zuzunehmen erscheint ihnen bedrohlich, da sie sich vor Ausgrenzung fürchten. Häufig ist eine Diät der Einstieg in die Ess-Brech-Sucht.

Bulimie: Symptome

Eine Bulimie ist für Außenstehende nicht so leicht zu erkennen wie zum Beispiel eine Magersucht. Menschen, die an Ess-Brech-Sucht leiden, sind in der Regel normal- oder nur leicht untergewichtig. Manche sind sogar übergewichtig. Die Fress-Brech-Anfälle finden zudem meist im Geheimen statt, sodass lange Zeit niemand etwas bemerkt.

Die meiste Zeit kontrollieren Bulimiker ihr Essverhalten stark. Sie halten Diät und lassen Mahlzeiten ausfallen. Doch dann überkommen sie immer wieder Heißhungerattacken.

Wiederholte Episoden von Fressattacken

Während einer Heißhungerattacke verlieren Bulimie-Kranke jegliche Kontrolle. Sie verschlingen große Mengen sehr kalorienreicher Lebensmittel in kurzer Zeit. Der Kontrollverlust kann so stark sein, dass ihnen ihr Handeln zunächst nicht bewusst ist. In etwa einer bis zwei Stunden nehmen Bulimiker manchmal bis zu 10000 Kalorien zu sich. Das ist mehr als das Vierfache dessen, was ein gesunder Mensch an einem ganzen Tag benötigt. Frauen haben einen Bedarf von etwa 1900 Kilokalorien pro Tag.

Die Fressattacken werden oft durch Stress ausgelöst und dauern so lange an, bis ein unangenehmes Völlegefühl entsteht. Während sie das Essen verschlingen, spüren manche Betroffene eine kurzzeitige Entspannung. Nach den Essattacken aber schämen sie sich meist für ihr Verhalten, ekeln sich oder machen sich Vorwürfe.

Maßnahmen gegen Gewichtszunahme

Um nicht zuzunehmen, versuchen Menschen mit Bulimie, die Nahrung möglichst wieder unverdaut aus dem Körper zu bekommen oder anderweitig gegenzusteuern. Man unterscheidet zwei Typen von Bulimikern:

Gegenmaßnahme Erbrechen (Purging-Typ): Etwa 70 bis 90 Prozent der Bulimiker gehören dem "Purging-Typ" an. Sie erbrechen das Verzehrte in den meisten Fällen sofort wieder. Dazu provozieren sie Brechreiz mit dem Finger. Manche Patienten setzen auch Hilfsmittel ein, wie zum Beispiel Holzlöffel, deren Stiel sie sich den Hals stecken. Einige versuchen, ihr Gewicht stattdessen (oder außerdem) auch durch Fasten, Abführmittel oder extreme sportliche Aktivitäten zu halten.

Um zu kontrollieren, ob sie die gesamte Nahrung erbrochen haben, verzehren viele Bulimiepatienten zu Beginn der Essanfälle ein farbiges Nahrungsmittel wie zum Beispiel Tomaten.

Manche Bulimiker vom Purging-Typ setzen auch Abführmittel ein oder machen sich Einläufe.

Gegenmaßnahme Fasten und Sport (Nicht-Purging-Typ): Patienten vom "Nicht-Purging-Typ" reduzieren ihr Gewicht nicht durch Erbrechen, sondern durch strenges Fasten und übermäßige sportliche Aktivität. Dieser Typ ist jedoch seltener als der Purging-Typus.

Achten auf Figur und Gewicht

Ähnlich wie Magersüchtige achten auch Menschen, die an Bulimie leiden, sehr auf ihr Gewicht und haben große Angst davor zuzunehmen. Die äußerliche Erscheinung ist entscheidend für ihr Selbstwertgefühl. Nur schlanke Körper finden sie schön. Die übertriebene Fixierung auf Figur und Ernährung ist oft das Symptom, das Außenstehenden als erstes auffällt.

Unterschiede zwischen Bulimie und Magersucht

Bulimie und Magersucht (Anorexia nervosa) sind nicht immer leicht zu unterscheiden. Tatsächlich beginnt eine Bulimie häufig mit einer Phase starken Gewichtsverlustes, bevor die Essattacken und Erbrechen einsetzen. Die psychischen Hintergründe der Erkrankungen sind aber grundverschieden.

Bulimie

Magersucht

Angestrebt wird eine sehr schlanke Figur (leichtes Untergewicht)

Als ideal empfunden wird starkes Untergewicht, das von anderen als ungesund und unattraktiv betrachtet wird

Sehnsucht nach Anerkennung und Zugehörigkeit

Streben nach Abgrenzung, Selbstkontrolle

Gewichtsabnahme, um das herrschende Schönheitsideal zu erfüllen

Gewichtsabnahme und Essensverweigerung als Ausdruck der Selbstkontrolle, Askese

Angst vorm Verlassenwerden, Ausgrenzung

Angst vor Kontrollverlust und Vereinnahmung

Scham für die Erkrankung

Stolz auf die Fähigkeit zur Askese

Pflegt sexuelle Partnerschaften

Nur selten sexuelle Partnerschaften

Gravierende Folgeerkrankungen möglich, tödliche Komplikationen selten

Hohes Risiko tödlicher Verläufe

Bulimie: Folgen

Eine ausgeprägte Bulimie richtet im Körper großen Schaden an.

Folgen der Bulimie
Durch das ständige Erbrechen treten verschiedene Mangelerscheinungen und Störungen im Elektrolythaushalt auf. Hinzu kommt die chemischen Auswirkung der Magensäure in Speiseröhre und Mund.
  • Mangelernährung: Die wiederholten Diäten, das ständige Erbrechen, aber auch die Einnahme von Abführmitteln können den Elektrolythaushalt stören und eine Mangelernährung verursachen.
  • Herzmuskelschwäche: Eine zu niedrige Kaliumkonzentration im Blut und den Zellen kann einen unregelmäßigen Herzschlag und Herzmuskelschwäche zur Folge haben.
  • Osteoporose: Kalzium-Mangel macht die Knochen brüchig.
  • Nierenschäden: Der Elektrolytmangel kann lebensbedrohliche Nierenschädigungen verursachen.
  • Bauchschmerzen und Magenriss: Durch das Überessen bläht sich der Magen auf. Das verursacht starke Schmerzen. Im schlimmsten Fall kann ein lebensgefährlicher Riss im Magen (Magenruptur) entstehen.
  • Verstopfung: Durch das Erbrechen verlangsamt sich der Nahrungstransport im Körper. Es treten Verstopfungen auf.
  • Zahnschäden: Die Folgen von Bulimie machen sich häufig an den Zähnen bemerkbar. Die Magensäure zerstört erst den Zahnschmelz und dann das Zahnbein. Dadurch können die Zähne zunächst schmerz- und temperaturempfindlich und dann schadhaft werden.
  • Speiseröhrenentzündung: Die aufsteigende Magensäure verursacht Schleimhautentzündungen der Speiseröhre (Ösophagitis). Wenn Magensaft in die Luftwege gerät, besteht im Extremfall die Gefahr zu ersticken oder eine Lungenentzündung zu bekommen.
  • Gastritis: Außerdem wird beim Erbrechen der Magen gereizt und kann sich ebenfalls entzünden (Gastritis). Stetiges Erbrechen führt dann häufig zu weiteren Verletzungen bis hin zu schmerzhaften Blutungen, Vernarbungen und Organdurchbrüchen.
  • Bauspeicheldrüsenentzündung: Durch die Fressattacken kann sich eine Bauspeicheldrüsenentzündung entwickeln. Sie macht sich durch starke Bauchschmerzen, Fieber und erhöhten Herzschlag bemerkbar.
  • Menstruationsstörung und Unfruchtbarkeit: Häufig wird bei Frauen mit Bulimie die Menstruation unregelmäßig oder bleibt aus. Auch die Fruchtbarkeit nimmt ab.
  • Hautveränderungen: Bei 10 bis 30 Prozent der Bulimiepatienten sind außerdem trockene Haut und brüchige Haare mit Haarausfall weitere Folgen. Durch das häufige Erbrechen schwellen die Speicheldrüsen an und die Mundwinkel werden wund.
  • Geistige Veränderungen: Bulimie beeinträchtigt Stimmung und Konzentration. Bei der Hälfte der Betroffenen verändert sich auch die Gestalt des Gehirns (Pseudoatrophie). Die Ursachen und Auswirkungen dieses Phänomens sind jedoch nicht geklärt.
  • Risiken in der Schwangerschaft: Aufgrund der Mangelernährung entwickeln sich ungeborene Kinder einer bulimiekranken Mutter oft nicht richtig. Das Kind kann bleibende Schäden davontragen.

Bulimie: Ursachen und Risikofaktoren

Warum ein Mensch an Bulimie erkrankt, ist noch nicht endgültig geklärt. Wenn die Krankheit ausbricht, kommen oft mehrere Faktoren zusammen. Zu den Risikofaktoren gehören

  • genetische Veranlagung
  • biologische Komponenten
  • mangelndes Selbstwertgefühl
  • problematische familiäre Einflüsse
  • hoher Leistungsanspruch
  • westliches Schönheitsideal

Negatives Selbstbild

Menschen mit Bulimie haben häufig ein negatives Selbstbild. Zwischen dem Anspruch "wie ich sein will" und der Wahrnehmung "wie ich wirklich bin" besteht eine tiefe Kluft. Das gilt insbesondere für den eigenen Körper. Das Selbstwertgefühl hängt stark von der Figur ab. Bulimikerinnen streben meist ein extrem schlankes Ideal an, das sie nur durch massive Einschränkung beim Essen – oder eben durch Erbrechen – erreichen können.

Extremer Leistungsanspruch

Das Selbstwertgefühl der Patienten hängt stark vom Erfolg beim Erreichen hochgesteckter Ziele ab. Gleichzeitig sind sie extrem selbstkritisch, was zu ständiger Unzufriedenheit mit den eigenen Leistungen führt.

Der Konflikt zwischen überzogenen Erwartungen an sich selbst und Versagensängsten und -gefühlen erzeugt starke Spannungszustände. Die Fressanfälle können diese Anspannung für kurze Zeit mildern.

Problematische familiäre Verhaltensmuster

Wie innerhalb der Familie mit Essen umgegangen wird, kann zu Essstörungen beitragen. Kritisch ist insbesondere, wenn Essen dazu dient sich abzulenken, zu belohnen oder zu entspannen.

Einen negativen Einfluss scheinen auch ein gezügeltes Essverhalten und häufige Diäten der Mütter zu haben, ebenso eine kritische Einstellung zum eigenen Körper innerhalb der Familie.

Häufig finden sich Probleme im Umgang der Familienmitglieder untereinander. So stammen Bulimiker manchen Experten zufolge häufiger aus Familien, die besonders ehrgeizig und leistungsorientiert sind oder die ihre Konflikte impulsiv und heftig austragen.

Auch beschreiben manche Experten einen Mangel an Wärme, Zuwendung und Anerkennung im familiären Umgang miteinander.

All das kann, muss aber nicht der Fall sein. Ob solche familiären Konstellationen tatsächlich speziell zu einer Bulimie beitragen, oder ganz allgemein eine seelische Labilität fördern, ist zudem unklar.

Westliches Schönheitsideal

Bulimie wird oft durch den Wunsch begünstigt, den Schönheitsidealen der Gesellschaft zu entsprechen. Das derzeitige Ideal geht stark in Richtung Untergewicht. Es motiviert auch normalgewichtige Menschen, Diäten zu machen.

Häufig sind Patienten mit Bulimie vor dem Beginn der Ess-Brech-Sucht leicht übergewichtig. Sie fühlen sich dann unattraktiv und es fällt ihnen schwer, ihren Körper zu akzeptieren. Durch Diäten versuchen sie, dem Schönheitsideal näherzukommen. Häufig ist das der Einstieg in eine Bulimie.

Durch das ständige Hungern wird das Verlangen nach Essen stark befeuert. Schließlich können sie dem Druck nicht mehr standhalten und der Teufelskreis der Ess-Brech-Sucht beginnt. Die Eigendynamik der Bulimie kann dann nur noch mit professioneller Hilfe gestoppt werden.

Biologische Faktoren

Serotonin: Dieser Botenstoff erzeugt Glücksgefühle, er beeinflusst aber auch das Sättigungsgefühl im Gehirn. Man hat herausgefunden, dass Menschen mit Bulimie weniger Serotonin produzieren.

Da der Körper kohlenhydratreiche Nahrung für die Bildung des Botenstoffs benötigt, ist das eine mögliche Erklärung für die Fressanfälle: Über die massive Aufnahme von Kohlenhydraten versuchen Menschen, mit Bulimie negative Gefühle zu regulieren. Unklar ist jedoch, ob die Störung im Botenstoffsystem tatsächlich Ursache einer Bulimie ist oder vielmehr im Verlauf der Bulimie auftritt und diese stabilisiert.

Körpereigene Opioide: Körpereigene Opioide scheinen bei Bulimie ebenfalls eine Rolle zu spielen. Es handelt sich um Substanzen, die die Schmerzempfindung und den Appetit vermindern, beziehungsweise unterdrücken können.

Man geht davon aus, dass hohe Opioidwerte in Hungerphasen das Fasten erleichtern und gleichzeitig die Stimmung heben. Forscher haben bei Bulimikern sehr niedrige Werte endogenen Opioids gefunden. Dies löst Heißhunger und somit auch die Fressanfälle aus. Auf diese Weise könnten niedrige Opioidwerte eine Bulimie mitverursachen.

Genetische Ursachen

Es gibt auch eine erbliche Veranlagung für die Essstörung. Darauf weisen insbesondere Zwillingsstudien hin. Erkrankt ein Zwilling, so hat der andere bei eineiigen Zwillingspaaren ein sehr viel höheres Risiko, ebenfalls eine Bulimie zu entwickeln als bei zweieiigen Zwillingen.

Wie groß der Einfluss der Gene tatsächlich ist, ist allerdings noch nicht gesichert. Insgesamt scheint er bei Bulimie jedoch nicht so groß wie bei einer Anorexie (Magersucht).

Bulimie: Untersuchungen und Diagnose

Besteht der Verdacht auf eine Bulimie, ist es sinnvoll, zunächst den Hausarzt aufzusuchen. Er kann Sie an spezialisierte Ärzte und Psychologen weiterleiten.

Ob ein Patient unter Bulimie leidet, kann der Arzt im Rahmen eines Anamnesegesprächs herausfinden. Folgende Fragen könnte der Arzt dem Patienten bei Verdacht auf Bulimie stellen:

  • Fühlen Sie sich zu dick?
  • Sind Sie zufrieden mit Ihrem Körper?
  • Achten Sie sehr darauf, wie viel und was Sie essen?
  • Haben Sie Heißhungerattacken, bei denen Sie mit dem Essen gar nicht mehr aufhören können?
  • Kommt es vor, dass Sie die aufgenommene Nahrung wieder erbrechen? Wie häufig ist das?
  • Haben Sie körperliche Beschwerden wie zum Beispiel Muskelschwäche, Verstopfung, starke Bauschmerzen?

Die meisten Betroffenen verheimlichen ihr Ess-Brech-Verhalten. Viele sind sich nicht sicher, ob dies überhaupt krankhaft ist. Andere glauben fälschlicherweise, das krankhafte Verhalten selbst in den Griff zu bekommen. Es ist für den Patienten und den Arzt gleichermaßen eine große Herausforderung, ein so großes Vertrauen aufzubauen, dass der Betroffene sich dem Arzt öffnen kann und sich helfen lässt.

Psychologische Diagnostik

Stellt der Hausarzt eine Bulimie fest, so wird er dem Betroffenen psychotherapeutische Hilfe vermitteln. Da die Bulimie überwiegend psychische Ursachen hat, ist eine Behandlung der körperlichen Beschwerden nicht ausreichend.

Der Psychotherapeut kann mithilfe eines klinischen Interviews die spezifischen psychischen Beschwerden erfassen. Er kann zudem bestimmen, ob der Patient an weiteren Störungen leidet. Menschen mit Bulimie leiden häufig auch an Depression, Angststörungen oder Persönlichkeitsstörungen.

Diagnosekriterien der Bulimie

Nach dem Diagnostischen und Statistischen Manual Psychischer Störungen (DSM-V) gelten folgende Merkmale als Bulimie-Anzeichen.

  • wiederholte Episoden von Fressattacken
  • wiederholte Anwendung von unangemessenen, einer Gewichtszunahme gegensteuernden Maßnahmen
  • Die Fressattacken und das unangemessene Kompensationsverhalten treten mindestens drei Monate lang im Durchschnitt mindestens zweimal pro Woche auf.
  • Figur und Körpergewicht haben einen übermäßigen Einfluss auf die Selbstbewertung.
  • Die Symptome treten nicht ausschließlich im Zusammenhang mit einer Magersucht auf.

Zur Erfassung der Diagnosekriterien hat man spezielle Fragebögen entwickelt, die durch Interviews ergänzt werden. Dazu gehört das umfangreiche Strukturierte Klinische Interview für DSM-IV (SKIB-Interview). Es umfasst neben der Essstörung auch andere psychische Erkrankungen.

Das Strukturierte Interview für Anorexie und Bulimie (SIAB) besteht aus einem Fragebogen zur Selbsteinschätzung sowie einem Interviewteil mit 87 Fragen, die der Arzt oder Psychologe zusammen mit dem Patienten durchgeht.

Körperliche Untersuchung

Neben der psychologischen Diagnostik ist auch eine körperliche Untersuchung notwendig.

Der Arzt untersucht auch das Blut, das aufgrund des Erbrechens oft arm an lebenswichtigen Salzen ist. Weiter prüft er, ob Magen, Speiseröhre und Zähne verletzt oder durch Magensäure angegriffen sind.

Zeigen sich durch den Mangel an Salzen bereits Nierenschäden oder Herzrhythmusstörungen, testet der Arzt die Funktion dieser Organe über EKG, Herzecho und einen Ultraschall der Nieren.

Bulimie-Test

Im Internet gibt es eine ganze Reihe von Onlineangeboten zum Bulimie-Test. Solche Tests orientieren sich an den Fragen, die auch ein Arzt stellen würde, beispielsweise

  • zu Essverhalten und Diäten
  • zur Einstellung zum eigenen Körper
  • zum Selbstwertgefühl
  • vor allem zu den Fressattacken selbst
  • zu selbst herbeigeführtem Erbrechen, Abführmittelkonsum und Sportexzessen

Eine sichere Diagnose für Bulimie kann zwar nur ein Experte stellen, die Onlinetests bieten jedoch eine Orientierungshilfe. So kann ein Bulimie-Test im Internet den Betroffenen dazu anregen, sich über sein Essverhalten Gedanken zu machen und sich gegebenenfalls Hilfe zu suchen.

Bulimie: Behandlung

Die Bulimie ist eine ernstzunehmende psychische Störung. Menschen mit Bulimie fällt es jedoch meist schwer, ihr Essverhalten realistisch einzuschätzen, oder sie möchten nicht wahrhaben, dass dieses gestört ist. Daher ist die professionelle Hilfe bei Bulimie unverzichtbar. Ziele bei der Behandlung von Bulimie sind vor allem,

  • kurzfristig eine rasche Veränderung des Essverhaltens zu erreichen, um die körperliche Gesundheit wiederherzustellen oder zu erhalten.
  • langfristig den Betroffenen zu helfen, die Ursachen für das gestörte Essverhalten zu erkennen und diese zu beseitigen oder andere Wege zu finden, damit umzugehen.

Normalisierung des Essverhaltens

In leichteren Fällen ist eine Bulimie auch ambulant behandelbar. In schweren Fällen muss jedoch die Ernährung kontrolliert werden, damit die Patienten zu einem gesunden Essverhalten zurückfinden können. Das ist in der Regel nur in einem stationären Rahmen möglich.

Nicht zu viel und ohne Erbrechen

Zu Beginn der Behandlung wird zusammen mit dem Patienten ein ausgewogener Essensplan erstellt, den dieser dann einhalten muss. Dazu gehört es, regelmäßig Mahlzeiten zu sich zu nehmen – mindestens drei am Tag. Es geht darum zu essen, ohne in eine Essattacke zu verfallen oder das Essen zu erbrechen.

Angst vor Kalorien nehmen

Die Patienten lernen, auch kalorienreichere Lebensmittel, die sie außerhalb der Ess-Brech-Attacken vermieden haben, ohne Angst zu sich zu nehmen. Sie werden auch bei der Zubereitung des Essens mit eingebunden. Der Umgang mit Lebensmitteln soll für sie zu einer positiven, entspannten Erfahrung werden.

Normalisierter Essdrang

Durch die regelmäßige und abwechslungsreiche Ernährung wird der körperliche Mangelzustand beendet. Da der Patient nun keine Hungerphasen mehr durchmacht, wird auch der Drang geringer, sich große Nahrungsmengen einzuverleiben.

Psychotherapie

Häufig wird eine kognitive Verhaltenstherapie zur Behandlung von Bulimie eingesetzt.

Realistisches Körperbild: Die Patienten sollen eine realistischere Einstellung zu ihrem Körper und ihrem Gewicht entwickeln. Dabei geht es auch darum, die gesellschaftlichen Idealvorstellungen von Schönheit und Schlankheit zu hinterfragen.

Auslöser suchen: In Zusammenarbeit mit dem Therapeuten ergründen die Bulimie-Patienten, welche Situationen einen Ess-Brech-Anfall hervorrufen. Dabei kann ein Ernährungstagebuch helfen. Daraufhin versucht der Therapeut zusammen mit dem Patienten alternative Wege und Verhaltensweisen zu finden, mit belastenden Situationen umzugehen.

Konfrontationstherapie: In der Bulimie-Therapie wird häufig mit sogenannten Konfrontationen gearbeitet, die dazu dienen, Ängste abzubauen. Der Therapeut ermutigt die Patienten, sich Situationen auszusetzen oder Lebensmittel zu sich zu nehmen, die ihnen Angst bereiten und die sonst einen Fressanfall ausgelöst haben. Die therapeutisch begleitete Auseinandersetzung führt zu einem stetigen Abbau der Ängste und steigert das Selbstbewusstsein und das Selbstwertgefühl der Bulimiker.

Breites Therapiespektrum

Bei einem stationären Aufenthalt wird in der Regel ein breites Spektrum an Therapien zur ganzheitlichen Behandlung genutzt. Dazu gehören:

Medikamentöse Behandlung

Zu Beginn der Bulimie-Therapie und in Krisen erhalten manche Patienten vorübergehend antidepressive Substanzen. Vor allem wird hierzu das Medikament Fluoxetin eingesetzt. Es hat nicht nur eine antidepressive Wirkung, sondern reduziert auch die Ess-Brech-Anfälle. Als alleinige Therapie bei Bulimie sind Medikamente nicht geeignet.

Bulimie: Krankheitsverlauf und Prognose

Die Bulimie beginnt meistens in der Jugend oder im frühen Erwachsenenalter. Vor allem Frauen im Alter zwischen 18 und 30 erkranken, in zunehmender Zahl jedoch auch junge Männer. Der Bulimie kann eine Phase starker Gewichtsabnahme vorausgehen, die dann in Ess-Brechanfälle umschlägt. Häufig sind Diäten der Einstieg in die Ess-Brech-Sucht.

Im Verlauf der Erkrankung gibt es immer wieder auch Zeiten, in denen Bulimie-Betroffene normal essen. Die Anzahl der Ess-Brech-Anfälle schwankt individuell. In belastenden Phasen, in denen die Patienten besonders gestresst sind, treten Ess-Brech-Anfälle gehäuft auf.

Oft wird die Bulimie erst im dritten Lebensjahrzehnt der Patienten – also nach längerer Krankheitsdauer – behandelt. Immerhin wird etwa die Hälfte der Patienten, die an Bulimie litten, gesund, wenn auch meist erst nach mehrjährigem Krankheitsverlauf.

Weiterführende Informationen

Bücher:

  • Zurück ins Leben: In 12 Schritten aus der Bulimie (Nina Wolf, Tectum Wissenschaftsverlag, 2018)
  • Die Frau, die im Mondlicht aß: Ess-Störungen überwinden durch die Weisheit uralter Märchen und Mythen (Anita Johnston, Knaur MensSana TB, 2007)

Leitlinien:

S3 Leitlinie "" der Deutschen Gesellschaft für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie (DGPM)

Selbsthilfegruppen:

Cinderella - Beratungsstelle für Essstörungen des Aktionskreises für Ess- und Magersucht e.V.

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